Kleine ukrainische Mozartiana

Begegnung mit Nataliia Stets und Oksana Lyniv in den Richard-Wagner-Stätten Pirna

Die eine ist bereits weltberühmt, die andere auf dem Weg dahin. Die Dirigentin Oksana Lyniv vervollkommnete ihr Studium in Dresden, war Chefin der Oper Graz und Assistentin von Kirill Petrenko in München. Vor sechs Jahren rief sie in ihrer Heimatstadt Lviv, dem ehemaligen Lemberg, das Musikfest LvivMozArt ins Leben. Seit letztem Jahr ist Oksana Lyniv Generalmusikdirektorin des Teatro Comunale di Bologna. Die NMB haben sie bisher unter anderem an der Bayerischen Staatsoper (Bartók »Herzog Blaubarts Burg«) sowie bei den Bayreuther Festspielen (»Der fliegende Holländer«) erlebt.

Im gleichen Jahr wie LvivMozArt gründete Oksana Lyniv das Ukrainische Jugendorchester. Musiker des Orchesters trugen am Sonntag zur musikalischen Gestalt einer Matinée im Jagdschloß Graupa bei, das zu den Richard-Wagner-Stätten gehört. Nataliia Stets, Dirigentin und Komponistin, übernahm die Leitung des Konzertteils incl. eines eigenes Werkes. Die aus der Westukraine stammende Künstlerin hat derzeit im Rahmen eines Stipendiums in Graupa ein zu Hause. Das Stipendium wurde von der Sächsischen Akademie der Künste ins Leben gerufen und durch Spenden der Mitglieder der SAK finanziert. Der Aufenthalt erlaubte Nataliia Stets ein zielgerichtetes Arbeiten, also auch Komponieren, gleichzeitig war Graupa ein Jahr lang Basis für ihre dirigentischen Tätigkeiten. Im Januar leitete sie in diesem Rahmen das zweite Philharmonische Konzert der Elbland Philharmonie Sachsen.

Ekkehard Klemm (Vizepräsident der SAK und Moderation) im Gespräch mit Oksana Lyniv und Nataliia Stets, Photo: Sächsische Akademie der Künste, © Anne Koban

Ihr Stück »Teren« (abgeleitet vom ukrainischen Volkslied »Tswite teren«, deutsch: Der Schlehdorn blüht), eine Komposition für zwei Violinen, wurde von Taras Zdaniuk (Solist des Konzerts) sowie Lena Tautscher aus dem Jugendorchester vorgetragen. In mehreren Teilen zeichnet das Werk zunächst die Weite und Fragilität nach, mit der man ein offenes Land und die darin stehenden Bäume assoziieren kann, gewinnt über ein Wechselpizzicato der beiden Spieler dann an Lebhaftigkeit oder Lebensfreude und greift die Idiomatik des Volksliedes direkt auf.

Außer solchen anregenden Beiträgen der Musik gab es Gespräche (Moderation: Ekkehard Klemm). Nataliia Stets skizzierte kurz ihre aktuelle Situation und die nächsten Schritte nach dem Ablauf die Stipendienzeit – sie ist bereist vielfältig verknüpft und hat Projekte, die betreut, vorangetrieben werden wollen. Die Unterstützung der Ukrainischen Künstler, wie sie es durch das Stipendium erfahren hat, hält sie für wichtig und wesentlich – die Künstler dürfen nicht schweigen, viele arbeiten auf der Flucht.

Für die SAK und ihren Vizepräsidenten Ekkehard Klemm ist es aber auch ein Glück, die Dirigentin Oksana Lyniv kürzlich als Mitglied gewonnen zu haben. Allein, daß sie an einem solchen Termin teilnimmt, dürfte manch anderen Veranstalter neidisch werden lassen. Und Lyniv hat etwas zu sagen. Denn sie spricht nicht nur perfekt deutsch (sowie Italienisch), sie kann nicht nur begeistern, sie ist selbst eine Suchende oder vielmehr Musikwissenschaftlerin. Anders als manche Kolleginnen oder Kollegen (wie Nataliia Stets) hegt sie keine Ambitionen, selbst zu komponieren. Dafür forscht und hinterfragt sie permanent, trägt zusammen und findet neues heraus oder deckt verborgenes wieder auf. (Eigentlich wäre – bliebe dafür Zeit – eine musiktheoretische Abhandlung oder Doktorarbeit die logische Folge).

Dieser Weg des Suchens und Forschens brachte sie bereits nach Dresden. Immer wieder tauchte dabei ein Name auf: Mozart. Denn wie man Mozart spiele, könne sie in der Ukraine nicht lernen, hatte man ihr dort gesagt. Deshalb kam sie an die Dresdner Musikhochschule. Und doch war Lemberg früher eine Mozart-Stadt: der jüngste Sohn Wolfgang Amadés, Franz Xaver Mozart, lebte dreißig Jahre hier. Zwar kam er zunächst befristet, blieb aber schließlich – der Liebe wegen. Er rief hier auch die Tradition der Aufführungen des Mozart-Requiems ins Leben – 1826, lange bevor dies in Wien geschah!

Das Wissen über diese historischen Fakten war in der Ukraine – vorübergehend – vergessen. Oksana Lyniv förderte nicht nur die trockenen Daten zutage, sie rief auch ihr Mozart-Fest ins Leben. Nur wenige Beispiele, keine Einzelfälle, denn zu den anderen Werken des Vormittags wußte die Dirigentin ebenso manches zu erzählen. Maksim Beresowskyj zum Beispiel, war – wie Mozart! – Mitglied der Accademia Filarmonica di Bologna. Zu den Mitgliedern zählten unter anderem Farinelli, Richard Wagner (sic!) und Johann Christian Bach.

Mit Dmytro Bortnjanskyjs Ouvertüre zur Oper »Il Quinto Fabio«, die heute (bisher) nur in wenigen Teilen überliefert ist, sowie der ersten Sinfonie von Maksim Beresowskyj durfte das Ukrainische Jugendorchester in Kammerbesetzung (was der Verve keinen Abbruch tat, sondern diese eher unterstrich) seinen Farbenreichtum bzw. die entdeckenswerte Stücke ukrainischer Komponisten vorweisen. Für einen besonderen Eindruck sorgten die Sechs Lieder Opus 21 von Franz Xaver Mozart. Genaugenommen erwies sich dabei mancher Reim (Ludwig Hölty: »Die Nachtigall | singt überall«) recht schlicht, fast schon schülerhaft, möchte man sagen, die Komposition jedoch war in dem Arrangement für das Orchester nicht nur interessant, gerade das sechste Lied (»Le Baiser« / Der Kuß eines unbekannten Dichters), konnte begeistern. Solistin Anastasiia Povazhna (Sopran) belebte die darin enthaltene Opernhaftigkeit glühend!

Da wäre wohl noch viel nachzutragen gewesen – mit Oksana Lyniv könnte man sicher eine ganze Gesprächsreihe gestalten! Karol Lipiński zum Beispiel, der Komponist der letzten beiden Stücke (zwei Sätze aus seiner Sinfonie Opus 2 Nr. 3), lebte viele Jahre in Dresden, war noch unter Richard Wagner Konzertmeister der Sächsischen Hofkapelle, war aber auch auf Reisen und als Solist tätig (Partner von Niccolò Paganini, spielte die Uraufführung von Hector Berlioz‘ »Harold en Italie«) –Beispiele allein dieser Matinée, die zeigten, welche Kulturverbindungen früher bestanden haben. Diese Kulturverbindungen sollen bleiben, resümierte Oksana Lyniv.

Gruppenbild mit den Dirigentinnen und Sopranistin Anastasiia Povazhna (blaues Kleid), Photo: © Wilm Heinrich

Da wäre eine Fortsetzung des Gespräches, in Graupa oder an der Musikhochschule, wünschenswert. Die Gelegenheit dafür sollte kommen, denn – soviel konnte die Dirigentin schon verraten – in der Spielzeit 2024 / 25 wird sie eine Wiederaufnahme an der Semperoper leiten. Welche genau, durfte sie noch nicht sagen, aber Mozart werde es sein. Die Edition seiner Briefe war übrigens das erste, was Oksana Lyniv auf deutsch gelesen hatte. Na also, da könnte man doch …

6. März 2023, Wolfram Quellmalz

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