Von Wagner bis Widor

Notre-Dame-Organist Olivier Latry zurück in Dresden

Das anfangs vergessene Stiefkind hat sich zu einem Publikumsmagneten entwickelt: die Eule-Orgel des neuen Dresdner Kulturpalastes, zunächst gar nicht vorgesehen und erst nachträglich durch eine auf Spenden basierende Finanzierung in die Planung integriert, zeigt seit ihrer Einweihung ihre Vielseitigkeit und was man mit ihr im Konzertsaal alles machen kann, spielt als Solistin, Orchester- oder Filmbegleiterin auf. Am Mittwoch brillierte sie wieder einmal im Rahmen des Dresdner Orgelzyklus. Das Publikumsinteresse ist erstaunlich und anhaltend hoch: Parkett und erster Rang waren wieder vollbesetzt!

Es kam ja auch nicht irgendwer, sondern der Titularorganist von Notre-Dame de Paris, Olivier Latry. Er hatte schon zur Einweihung gespielt und ist seitdem regelmäßig Gast. Latry schätzt große Orgeln nicht nur, er weiß sie auch in Szene zu setzen, und das über die Grenzen einer vorzüglichen französischen Orgelsinfonik hinaus.

Der Beginn war diesmal für manche dennoch gewöhnungsbedürftig – Wagner-Transkriptionen auf der Orgel sind für die einen eine neue Berührung mit der Musik, für die anderen eine Verfremdung mit Fehlstellen. Denn selbst mit über viertausend Pfeifen und 61 Registern konnte die Holländer-Ouvertüre (historische Bearbeitung von Edwin Lemare) nicht die Subtilität und Komplexität eines ganzen Orchesters entfalten. Das Gebet aus Wagners »Rienzi« (»Allmächt‘ger Vater, blick herab«) war schon eher eine Annäherung, weil sich hier die Stimmen von Sänger und Begleitung klarer übertragen ließen.

Olivier Latrys Konzerte werden in der Regel auch von charmanten Moderationen begleitet. Mit einem Dank an den Assistenten, der beim Registrieren geholfen hatte, wandte er sich nun der (O-Ton) »Organistenmusik« zu: César Francks »Pièce héroïque« aus den Trois pièces pour grande orgue, 1878 für eine Konzertreihe im Palais du Trocadéro geschrieben, sowie der Orgelsinfonie Nr. 5 f-Moll von Charles-Marie Widor. Mit Anekdoten aus Widors Leben wußte Olivier Latry seinen Vortrag zu bereichern, vor allem aber konnte er sich nun – gut sichtbar – »austoben«, will sagen: mit Händen und Füßen über Tasten und Pedale eilen. Das Erlebnis, dies zu beobachten, stellt einen trotzdem manchmal vor das Problem, den einzelnen Stimmen die entsprechende Hand oder den Fuß nicht mehr zuordnen zu können.

César Francks Stück offenbarte eine raffinierte, sinfonische Themenverarbeitung und neben Geistesverwandtschaften zu Bach, Beethoven und Wagner noch eine andere: Johannes Brahms hätte hier gleichfalls Pate stehen können. Verblüffend, wie die Stimmen immer verwobener ausgeführt wurden und schließlich zu einem 4-Hand-Fuß-Tutti verschmolzen!

Es geht aber noch raffinierter: Unter den zehn Orgelsinfonien Charles-Marie Widors ist die fünfte das Prunkstück, vor allem der Toccata wegen, weshalb das teure Stück eigentlich zu oft präsentiert wird. Doch  so wohldosiert und »gut organisiert« gespielt, ist es Freude pur! Zunächst zog Olivier Latry buchstäblich sämtliche Register, führte quasi die Instrumentengruppen seines Orchesters vor, band auch das Schwellwerk effektvoll ein. Es ging aber durchaus auch fein und zurückhaltend, wie das Allegro cantabile im Gestus eines romantischen Liedes zeigte. Dem Adagio, das in viel schöneren Farben schimmerte als die gräßlich ordinäre Saalbeleuchtung in aggressiven Rot- und Blautönen, folgte schließlich die Toccata, jedoch nicht wie gern geboten »im Rausch«, sondern in gemessenem Tempo, melodisch und vor allem rhythmisch ausgefeilt.

Als Zugabe phantasierte Olivier Latry zunächst frei über Bachs Passionschoral »Herzlich tut mich verlangen«, an den er aber noch Franz Liszts »Liebestraum« anhängen mußte. Letzteren hat er auch auf CD eingespielt.

6. April 2023, Wolfram Quellmalz

CD-Tip: »Liszt Inspirations« Oliver Latry spielt an der Rieger-Orgel der Philharmonie de Paris Werke von Franz Liszt (1811-1886), erschienen bei La Dolce Volta

Latry zum Lesen: »An der Orgel von Notre-Dame – Gespräche mit Stéphane Friédérich«, Butz Musikverlag

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