Böhmischer Reigen

Sonderkonzert mit dem ehemaligen Kapellmitglied Petr Popelka im Dresdner Kulturpalast

Zehn Jahre lang, von 2010 bis 2020, war Petr Popelka Mitglied der Sächsischen Staatskapelle. Eines der positiv auffälligsten, denn der Kontrabassist trat schon damals als Dirigent und Komponist immer wieder in Erscheinung. Das Dirigieren nahm irgendwann nicht nur zu, sondern wurde Hauptbestandteil seiner Arbeit. Nach Verträgen als Gastdirigent und vielen erfolgreichen Einladungen (mehrfach zur Kapelle und an die Semperoper) ist Petr Popelka heute Chefdirigent des Norwegischen Rundfunkorchesters Oslo, Erster Gastdirigent der Janáček Philharmonie Ostrava sowie Chefdirigent und Künstlerischer Leiter des Prager Rundfunkorchesters – für Besuche in Dresden bleibt da künftig wohl weniger Zeit.

Um so besser war es, die Gelegenheit am Dienstag im Kulturpalast noch einmal zu nutzen. Nicht irgend etwas stand auf dem Programm, sondern Suk und Dvořák – ein Böhme dirigierte böhmische Werke. Und denen kam das gegenseitige Vertrauen von Dirigent und Musikern sowie Petr Popelkas ungemein musikantischer Ansatz sehr zugute.

Gleichzeitig war es der vorletzte Auftritt der Capell-Virtuosin Julia Fischer. Sie hatte im Sinfoniekonzert und mit einem großartigen Rezital bereits für Höhepunkte der Spielzeit gesorgt, nun setzte sie mit Josef Suks Phantasie für Violine und Orchester Opus 24 g-Moll und Antonín Dvořáks Romanze für Violine und Orchester Opus 11 f-Moll noch zwei drauf. Und bewies erneut ihre Vielseitigkeit: nicht nur schwergewichtige Klassiker der Romantik beherrscht sie (Beethoven) oder eine dezidierte, feinsinnige Bach-Auslese, sie findet auch in solche Werke, die – trotz Böhmen – keiner eindeutigen oder aufgeprägten Idiomatik bedürfen, sondern einer Freiheit. Gerade Josef Suks Phantasie wurde von einem leichten Flügelschlag getragen, enthielt herbe Frische ebenso wie ein lerchenhaftes Legato. Dazu gelang Julia Fischer eine bruchlose Verknüpfung von Erzählepisoden – mal tänzerisch, mal volkstümlich, mit einem märchenhaft leichten Mittelteil.

Diese Leichtigkeit tat gut, denn Petr Popelka hatte das Orchester zu einem übermütigen Tutti verführt, das zunächst übergroß schien. Nach und nach glich sich dies aber aus. Vor allem fanden Staatskapelle und Dirigent zu einer großen Präzision, die Blechbläser um so herrlicher strahlen ließ.

Zwischendrin gab es immer wieder kammermusikalische Episoden bis hin zum Duo der Solistin mit einem fast jazzigen Kontrabaß (Viktor Osokin), und auch Dvořáks Romanze konnte von dieser Zusammenwirkung und Julia Fischers Kantabilität nur profitieren. Als Zugabe spendierte die Capell-Virtuosin berauschendes: Niccolò Paganinis Caprice Nr. 24.

Der Abend blieb Böhmisch, denn die Staatskapelle fügte ihren Interpretationen von Sinfonien Antonín Dvořáks Nr. 6 (Opus 60) hinzu. Dabei durften die Bläser, Holz wie Blech, erneut Melos entfalten, funkeln, zwitschern und trillern, Klarinette (Robert Oberaigner) und Flöte (Sabine Kittel) voran. Nun in der Balance ausgefeilt, schienen Steigerungen oder der dramatische Einschub des zweiten Satzes um so wirkungsvoller. Vor allem aber: bis in die Posaunen war die Kapelle zu feinsten Piani fähig, die kein Jota ihrer Tragfähigkeit verloren. Im ganzen durften Streicher und Bläser aber auch einmal herrlich »satt« klingen. Die Lebendigkeit des Scherzos mit Verve und des con spirito im Finale war dabei unbeschwert.

26. April 2023, Wolfram Quellmalz

Immer noch schön: die Aufnahme der 24 Capricen Opus 1 von Niccolò Paganini für Violine solo mit Julia Fischer von 2009, erschienen bei Decca

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