Bach bleibt Meister

Sebastian Heindl stellte der Toccata im Orgelzyklus den Blues gegenüber

Wenn der Dresdner Orgelzyklus seinen Turnus an den drei Hauptkirchen unterbricht und in den Kulturpalast einkehrt, ist das oft ein Anlaß für besondere Konzerte, sei es in bezug auf die Gäste oder die Formate. Öfter als an den Mittwochabenden sonst treten dann Konzertorganisten auf, doch Sebastian Heindl verbindet beides: trotzdem er als ausgewiesener Konzertorganist angekündigt wurde, ist er doch genauso ernsthafter Kirchenmusiker und seit 2023 an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche Berlin tätig.

Für seinen Dresdner Auftritt hatte er sich ein Programm mit dem Titel »Toccata und Blues« ersonnen und eine klassische Disziplin mit einer Lieblingsspielart verbunden. Hinsichtlich der virtuosen Tasten- und Pedalführung überzeugte das nicht nur, es beeindruckte.

So war schon der Anfang nach kurzer Begrüßung des Publikums mit Johann Sebastian Bachs Toccata F-Dur (BWV540) wohlgesetzt. Eben nicht die berühmte Werkpaarung Toccata und Fuge d-Moll, sondern ein Stück, das beim Kennenlernen kaum weniger einnimmt, zudem eines, bei dem sich die drei Stimmen im Spiel des auf der Bühne sitzenden Organisten gut beobachten ließen – auf das virtuose Pedal folgen zunächst Manualakkorde, erst dann treten zwei, später alle drei Stimmen in einen Dialog.

Wilhelm Morgner »Astrale Komposition XI« (1912), Clemens-Sels-Museum, Neuss, Bildquelle: Wikimedia commons

So meisterlich hätte es weitergehen können, so blieb es im Grunde, nur ging die programmatische Geschlossenheit ein wenig verloren. Daß Orgelkonzerte im Kulturpalast oft zu Farblustspielen werden, weiß man mittlerweile. Diesmal wurde es gar nicht so arg, denn Gold, Rot und Blau traten nicht in den schrillsten Helligkeitsgraden auf, nur zu »Somewhere over the rainbow« gab es … (raten Sie mal).

Hindernder war, daß sich Sebastian Heindl zu allzu viel Moderation, Kommentar und Kommunikation verleiten ließ, obwohl dabei immer die Vermittlung im Fokus blieb. Doch Worte nach jedem Stück und immer dazwischen Applaus – so ginge selbst bei konziser Programmgestaltung der Zusammenhalt verloren. Erst recht, wenn er etwas loser und (musikalisch) bunter ist.

Trotzdem überzeugte Sebastian Heindl nicht nur spieltechnisch und trat auch als Komponist und Arrangeur hervor. Improvisation zu den Jazz-Standards »Blue bossa« und »Blue in green«, ließ er später eine Blues-Fuge in c-Moll sowie den Filmmusik-Regenbogen aus »Der Zauberer von Oz« folgen. Da konnte die Eule-Orgel selbst in allen Farben leuchten! Vor allem orchestral bzw. als sinfonisches Instrument präsentierte dies eine große Klangvielfalt. Dennoch überwogen weiche Farben mit fließenden Übergängen – auch »Blue bossa« rutschte in die Nähe von Filmmusik. Was aber kein genereller Eindruck war, in Miles Davis‘ »Blue in green« trat die Solostimme (original Trompete) durchaus wie eine Sängerin hervor. Trotzdem fehlten immer wieder Akzente.

Auf Seiten der beeindruckenden Stücke standen vor allem jene, die pianistisch angelegt oder ursprünglich für das Klavier geschrieben waren – dieses pianistische ist durchaus etwas, was nicht jedem Organisten liegt bzw. was viele zugunsten des Ausdrucks vermeiden (weniger Effekt bzw. Show, mehr Inhalt). Sebastian Heindl ließ es gerade in Sergei Prokofjews Toccata d-Moll oder Camille Saint-Saëns‘ Danse macabre hervortreten, was er noch effektvoll um die dynamischen Möglichkeiten der Orgel zum Crescendo und Decrescendo bereicherte.

Es muß ja nicht immer laut sein: am verblüffendsten gelang vielleicht der Eindruck in »Asturias« von Isaac Albeniz, nicht nur wegen des Pedalspiels, sondern weil es die Feinheiten, in denen man das Stück auf dem Klavier und vor allem der Gitarre kennt, erhielt. Die abschließende Rock-Toccata in c-Moll, noch eine Eigenkomposition, war – wie so vieles an diesem Abend – Geschmackssache, auf jeden Fall sauber präsentiert.

In summa ergaben sich viele Anknüpfungspunkte und das vielleicht doch schönste Stück im Reigen der Zugaben: Eugène Gigouts Toccata h-Moll hatte Bach insofern eine feingliedrige, sinfonische Luftigkeit voraus. Und Mozarts Allegro maestoso aus der Sonate a-Moll (KV 310) war eine gekonnt übertragene Bereicherung, während die Improvisation über Bachs Toccata BWV 565 als letzter Farbfetzen schon wieder im Überschuß landete.

18. Juni 2026, Wolfram Quellmalz

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