Grandiose Einzelleistungen

Wagners »Siegfried« berauscht mit Klang und Stimmen

Drei Viertel sind nun vollbracht – seit der vergangenen Spielzeit wurden »Die Walküre« und »Das Rheingold« wieder auf die Dresdner Opernbühne gehoben, am Sonntag legten Christian Thielemann und die Staatsoper mit »Siegfried« nach. Damit bleibt nur noch die »Götterdämmerung« offen, welche mit dem vollständigen »Ring des Nibelungen« in der kommenden Spielzeit auf dem Programm stehen wird – der Vorverkauf für den Zyklus 2018 beginnt morgen.

Siegfried ist der von Wotan geschaffene »freie Held«, der nicht an die Weltgesetze gebunden ist. Er kann das im Machtkampf der Götter verlorengangene Gold zurückerobern. Nachdem er Fafner, der sich in einen Lindwurm verwandelt hatte und den Schatz bewachte, erschlug und mit dessen Blut in Berührung kam, kann Siegfried nicht nur die Warnungen eines Waldvogels verstehen, sondern auch die Gedanken Mime lesen, der ihn aufgezogen hat. Siegfried erkennt dessen eigennütziges Streben und erschlägt ihn. Siegfried, der eigentlich das Fürchten lernen sollte, findet schließlich Brünnhilde, mit der er in innige Umarmung und gegenseitiger Liebe fällt – vorerst.

Willy Deckers Inszenierung von 2003, die Wotan, den obersten der Götter, als Regisseur eines Welttheaters deutet, wartet mit einigen Pop-Effekten auf. So kehrt das Theatergestühl, auf dem die Walküren ritten, im Hintergrund wieder, gibt es Himmelsbruchstücke, alberne Kreidedrachen und ein Puppentheater, mit dem Mime Siegfried vom Lindwurm berichtet – kein Wunder, daß der sich nicht fürchtet! Manche der Effekte haben eine geringe Halbwertzeit, und so wirkt die doch gar nicht übermäßig alte Inszenierung manchmal etwas angestaubt. Jedoch nicht immer – im ersten Aufzug, für den Wolfgang Gussmann ein fluchtendes Bühnenbild gebaut hat, daß mal Höhle, mal Blasebalg ist, gewinnt das Geschehen gerade dort, wo die Illustration durch Abstraktion auf geometrische Formen und Farben reduziert ist. Immer sind es die Stimmungen, die durch Farben und Formen beschworen werden und mit der Musik sinnig verschmelzen, die Effekte bleiben lau.

Christian Thielemann schöpft aus der Staatskapelle, beschwört und bezirzt, lockt und braut – es ist ein Klangrausch, der das Publikum erfaßt. Warm flutende Streicher, schimmernde Hörner, Celli, Holzbläser… Kein Wunder, daß es schon in den Pausen bei der Rückkehr ans Pult nicht nur viele Bravi, sondern begeisterten Jubel gibt. Thielemann schürt ein Feuer, schafft Spannung und sorgt für Entladungsmomente, auch durch Zäsuren, wenn unvermittelt einige Sekunden der Stille das Drängen unterbrechen.

Auf der Bühne gibt es weder Massen- noch Ensembleszenen, keinen Chor. »Siegfried« kommt mit einer Handvoll Solisten aus. Und diese begeistern ausnahmslos mit Stimmen, mit Ausgewogenheit, Verständlichkeit, Farbe. Meist nur zu zweit auf der Bühne, knackt und knistert es immerzu vor Spannung, weil keiner mit dem anderen kann, jeder jedermanns Feind ist oder sich – Brünnhilde und Siegfried – ein Liebesglück zwischen ihnen entzündet. Diese Spannung ist permanent zu spüren, ein unglaublicher Sog entwickelt sich, in dessen Zentrum Stephen Gould (Siegfried) steht. Er ist derzeit eine geniale Verkörperung der Figur: laut, ungebremst, fröhlich, aber auch naiv und grob – den hält keiner auf! Sogar Wotan (Markus Marquardt) muß das erkennen. Überhaupt: Wotan hatte schon einige Rückschläge einstecken müssen, sein Welttheater droht ihm zu entgleiten, und ausgerechnet dieser naive Held setzt ihm ein Ende. Marquardts Wotan ist im Fallen begriffen, noch hat er Kraft, aber langsam verlischt er – der Regisseur tritt ab.

Es scheint, als wäre alles pures Gold, was da in Töne umgesetzt wird. Ob Edelbaß Georg Zeppenfeld, der sich aus dem in Stücke zerschlagenen Lindwurm schält, Gerhard Siegels boshaft-lächerlicher Mime oder Tuuli Takalas betörender Waldvogel.

Gänsehaut bekommt man spätestens mit dem Vorspiel zum dritten Aufzug, in dem – noch ohne Bild zunächst – Christian Thielemann klarmacht, warum das Orchester »Kapelle« heißt – es ist ein sinnliches Singen, was da aus dem Graben strömt. Und wenn die Stimmen von Christa Mayer als Erda und Nina Stemme als Brünnhilde erwachen, bleibt einem schlicht die Luft weg, so unbestechlich vereinnahmen diese. Das ist so hochdramatisch wie berührend – nein, mit »Kraft« erschlägt einen keiner in dieser Vorstellung!

23. Januar 2017, Wolfram Quellmalz

Tips:

»Siegfried«, noch einmal am 26. (17:30 Uhr) und 29. Januar (16:00 Uhr)

»Der Ring des Nibelungen«, Aufführungen im Januar und Februar 2018, Vorverkauf ab 25. Januar

Weitere Informationen unter https://www.semperoper.de/schwerpunkt/der-ring-des-nibelungen-2018

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s