Historisch neu gehört

Staatskapelle am Gründungstag im Palais im Großen Garten

Wenn ein Orchester auf die wohl längste, ununterbrochene und belegte Existenz zurückblicken kann und dann noch in der Gegenwart als Klangkörper von Weltformat gilt, kann man den Gründungs- bzw. Geburtstag desselben auch dann feierlich begehen, wenn es kein viertel-, halb- oder ganz »runder« ist. So dachte sich vor zwei Jahren die Leitung der Sächsischen Staatskapelle und rief die Reihe von Sonderkonzerten ins Leben, die jeweils an Orten stattfinden, an denen Orchestergeschichte geschrieben wurde. Zum 469. Geburtstag am Freitag traf man sich im Palais im Großen Garten. Richard Wagner dirigierte hier einst konzertante Ausschnitte aus seinem »Lohengrin«, Robert Schumann aus seinen Szenen nach Goethes Faust – nur zwei Beispiele.

Seit der Amtszeit Fabio Luisis gibt bei der Staatskapelle (wieder) einen Capell-Compositeur bzw. eine -Compositrice, aus deren Werken zum Gründungstag geschöpft wird, um die Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu schlagen. Gilt es doch, die aus der Tradition gewachsene Gegenwart zu feiern und nicht nur der Vergangenen zu huldigen. In der aktuellen Spielzeit hat Arvo Pärt das Amt des Residenzkomponisten inne. Er ist wie kaum ein zweiter mit seiner Musik so gegenwärtig wie zugänglich.

Ursprünglich sollte das Konzert von Peter Schreier dirigiert werden, der jedoch krankheitsbedingt absagen mußte. Glücklicherweise fand sich mit Michail Jurowski nicht nur ein »adäquater Ersatz«, mit ihm stand auch ein Dirigent am Pult, welcher der Kapelle seit vielen Jahren eng verbunden, der ihr Vertrauter ist – nicht unwesentlich zu einem solchen Anlaß. Arvo Pärt, von dem in fünf folgenden Konzerten weitere elf Kompositionen aufgeführt werden (aber leider kein Chorwerk des Esten, haben solche doch eine wesentliche Bedeutung im Schaffen Arvo Pärts!), umkreist in »Festina lente« für Harfe und Streichorchester – wie so oft – die Themen der gleichzeitigen Ungleichzeitigkeit in ruhigen Schleifen, die von den ersten Tönen an zu berühren vermögen. Die Staatskapelle ließ eine spannungsvolle innere Ruhe fühlbar werden, ein Anwachsen und Aufbauen ebenso wie die sich logisch und folgerichtig anschließende Auflösung – ein knappes, musikalisches Palindrom, dem der Ausblick eines Postludiums gegeben ist.

Der knapp siebenminütigen Einleitung folgte nach einer Umbaupause die Uraufführung eines Mozart-Werkes. Doch das Staunen verflog schnell, denn ein neuentdecktes Werk vom Salzburger Meister war es mitnichten. Der Komponist Jeffrey Ching hat im vergangenen Jahr die Adaption einer Sinfonia concertante für Violine, Viola, Violoncello und Orchester vorgelegt. Er fügte drei Sätze bzw. Fragmente zusammen und vervollständigte diese, wobei das einleitende Allegro KV Anh. 104 tatsächlich für eine Sinfonia concertante in der genannten Besetzung gedacht war. Doch Mozart hat das Werk – aus welchen Gründen auch immer – nicht weiter verfolgt. Es nun um ein Adagio (KV 261) und das auf einem Streichquartettsatz (KV 72) basierende Rondeau zu ergänzen, erschien ein wenig konstruiert und so wenig authentisch wie das Farblicht im Palais – Mozart steckte sicher drin, aber es war eben keiner, auch wenn es exzellent musiziert worden ist. Dabei beeindruckten neben den drei Solisten Matthias Wollong, Sebastian Herberg und Norbert Anger sämtliche Holzbläser sowie Hörner mit feinem Sinfonia-Stil.

Weitaus authentischer war nach der Pause Franz Schuberts vollendet unvollendete Sinfonie h-Moll (D 759). Michail Jurowski hatte sich gemäß der verhältnismäßig kleinen Orchesterbesetzung für einen schlanken, aber kräftigen Klang entschieden – sein Sinnen galt ganz offensichtlich dem Ausdruck. Franz Schubert wird gemeinhin als Klassiker gesehen, der das Tor zur Romantik aufgestoßen hat, oder als Romantiker, der wie ein Klassiker komponierte. Im Vergleich zu den gewohnten Aufführungen mit großem Sinfonieorchester ließ sich diese durchaus nicht als »romantisch« apostrophieren. Doch gerade das war packend und stimmig – die Tradition feiern heißt eben nicht, stehenzubleiben und zu konservieren! Um so berückender war es, wie Bläsersoli aus dem stetigen Energiestrom der Streicher herausragten, wunderbar!

Und weil es ein Geburtstag war, gab es sogar noch ein kleines Extra: die Gavotte aus Sergej Prokofjews erster Sinfonie – launig!

23. September 2017, Wolfram Quellmalz

Tip: Viel mehr von Arvo Pärt wird es im Rahmen eines Portraitkonzertes am 4. März in der Schloßkapelle geben.

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