Mit Einfühlungsvermögen und Glanz

Collegium 1704 führt Händels »Messiah« auf

Was macht eigentlich eine gute Aufführung aus? Und was hebt eine herausragende unter den guten oder sehr guten hervor? Entscheidend sind im wesentlichen drei Faktoren: Qualität, Authentizität und eine Balance überall da, wo sich verschiedene Elemente, Stimmen oder Interpretationsansätze berühren. Diese Balance zu wahren ist Václav Luks schon oft gelungen. Doch leben die Auftritte des Collegiums 1704 und des dazugehörigen Chores Collegium Vocale 1704 auch immer von der Spontanität, der Fähigkeit, aufeinander einzugehen und im Moment etwas besonderes entstehen zu lassen. Insofern war am Ostermontag in der Dresdner Annenkirche abzusehen, daß eine Aufführung von Georg Friedrich Händels »Messiah« einerseits vom Klang der Collegia geprägt sein würde und früheren Aufführungen nicht entgegengesetzt wäre, dennoch ist der Spielraum nicht unbeträchtlich, den andere Solisten und eben der Moment ermöglichen – gerade deshalb, weil zur Qualität gehört, schon mit Nuancen besondere Akzente zu setzen.

Bereits einmal hatten Krystian Adam (Tenor) und Krešimir Stražanac (Baß) Rollen in Händels »Messiah« übernommen, ihnen gesellten sich nun die Sopranistin Giulia Semenzato und der Altist bzw. Countertenor Benno Schachtner hinzu. Es war beeindruckend zu erleben, wie sich diese vier als Quartett ergänzten und harmonisch ausglichen, dabei aber ihrer Stimme eine ganz individuelle Prägung verliehen. Gleiches läßt sich übrigens vom Chor sagen, dem es absolut nicht an Harmonie fehlt, der aber immer wieder gerade Kraft und Ausdruck aus der Individualität seiner Sänger schöpft, die (nahezu) allesamt Solisten sind und für welche die Homogenität manchmal etwas weniger wichtig ist.

Schlank und ausdrucksstark kann man Václav Luks »Messiah«anno 2018 nennen, getragen vom positiven Impuls der Verkündung. Auf emphatische Ausbüche und theatralische Gesten verzichtet das Collegium 1704 sowieso – es sei denn, sie folgen einem begründeten Impuls – dieses Mal war die Klarheit, der Strahlglanz vielleicht noch größer, am deutlichsten zu spüren im Halleluja-Chor, dessen Nachhallpause oft lange gedehnt wird. Václav Luks stellte diesen Effekt jedoch klar zugunsten des Flusses bzw. eines ununterbrochenen Jubels zurück.

Exzellent waren wieder einmal die Solisten. »Neuling« Benno Schachtner überzeugte mit Frische und Artikulation, fügte dem aber immer wieder kleine melismatische Überhöhungen hinzu und schuf so dramaturgische Wendungen und Betonungen. Wie er überzeugte auch Giulia Semenzato mit feiner Phrasierung, während Krystian Adam seine tenorale Strahlkraft effektvoll zu dosieren wußte – eben mit Maß bzw. Balance. Wahrlich betörend muß man (erneut) Krešimir Stražanac nennen, dessen Stimme melodische Verständlichkeit und Eleganz verbindet, so daß hohe wie tiefste Passagen nicht abgleiten oder gar bemüht klingen.

Daß diese vier Stimmen jedoch nicht nur individuell auf sich bezogen blieben, zeigte sich in den Duetten wie der harmonischen Folge untereinander bzw. im Wechsel mit dem Chor. Auch dieser war – bei exakt gleicher Verteilung in den vier Stimmen, nicht über alle Register »standardisiert«, sondern besonders auf das freudvolle Strahlen und die höheren Lagen bedacht.

Das Orchester stand dem als Begleiter und Partner gleichermaßen in nichts nach. Václav Luks konzentrierte sich auf das Dirigieren, anders als sonst war diesmal ein zusätzlicher Cembalist dabei, der im Verbund mit Orgel und Laute für besonders perkussive und belebende Passagen des Basso continuo sorgte. Auch hier – in der Ausgeglichenheit von Baß, Streichern und Solisten, blieb kein Wunsch hinsichtlich der Balance offen. Dafür gab es – nebst glänzenden Blechbläsern – manche kleine Entdeckung zu machen bzw. zu hören, wie den schnarrenden Ton eines (Sub)contrafagottes – wann erlebt man das schon?

3. April 2018, Wolfram Quellmalz

Übrigens: Das Konzert brachte auch eine andere Neuerung: den Ausblick auf die Spielzeit 2018 / 19 – es ist die zehnte der »Musikbrücke Prag-Dresden«. Sieben Konzerte werden es wieder sein – sieben Höhepunkte. Von vielen sehnlichst (wieder) erwünscht ist Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium (12. Dezember), aber schon im Oktober beginnt es mit Heinrich Ignaz Franz Bibers »Missa Salisburgensis« sowie Jean-Baptiste Lullys Te Deum auf dem Programm, eine kleine Überraschung gibt es auch am 8. Februar 2019 mit einer Serenata Antonín Dvořáks. Nicht fehlen darf natürlich Jan Dismas Zelenka…

Das letzte Konzert der aktuellen Reihe findet bereits am 20. April in der Annenkirche statt. Dann werden englische Komponisten (John Blow, William Byrd und Henry Purcell) im Mittelpunkt stehen.

weitere Informationen unter: http://www.collegium1704.com

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