Über-Bach

Martin Stadtfeld kommt im Palais im Großen Garten immer wieder auf Bach zurück

Der Name Martin Stadtfeld scheint untrennbar mit Johann Sebastian Bach verbunden zu sein. Selbst wenn der Pianist Werke aus allen Epochen – über Mozart, Mendelssohn und Chopin bis in die Neuzeit – spielt, ist der Thomaskantor nach wie vor der Dreh- und Angelpunkt. Das schließt Neubetrachtungen seiner Werke jedoch nicht aus, und die Generation davor und danach gehört ebenfalls zu Stadtfeldts Kernrepertoire. Im vergangenen Jahr verblüffte er in der Dresdner Frauenkirche mit einer luftigen Sichtweise auf Johann Christian Bach, immer wieder nähert sich Martin Stadtfeld auch zeitgenössischen Kompositionen, wobei diese dann gerne einen Bach-Bezug haben dürfen. Schon die CD »Wie schön leuchtet der Morgenstern« (2014) mit Werken des jungen Bach enthielt bereits ein Choralvorspiel von Stefan Heucke.

Zweitausendfünfzehn entstand Heuckes zweite Klaviersonate, welche den Choral »Nun danket alle Gott« sowie das Motiv B-A-C-H aufgreift, Martin Stadtfeld hat das Werk uraufgeführt.

Mit seinem Programm am Mittwochabend hat der gebürtige Koblenzer aber vermutlich einen großen Teil des Publikums überrascht und überfordert. Schon der Inhalt war so üppig, daß man den Stücken nur mit großer Aufmerksamkeit und Kenntnis folgen konnte.

Aus der Generation vor Bach hatte Martin Stadtfeld Dietrich Buxtehudes Passacaglia ausgewählt, ein für Orgelfreunde bekanntes Werk, das aber (wie Buxtehude überhaupt) kaum einmal auf einem modernen Konzertflügel zu hören ist. (Es wird Zeit, dies nachzuholen, denn es ist für uns vollkommen normal, daß Bach oder Händel, Scarlatti oder Rameau auf dem Steinway gespielt werden.) Sanft begann das Werk, das seine musikalische Substanz aus Variationen eines Baßmotives zieht – diese Struktur sollte die meisten der am Abend gespielten Stücke verbinden. Stadtfeld durchwanderte die Variationen mit weit gestreckten Veränderungen im Metrum und nicht wenig Pedal – fast romantisch klang Buxtehude, der sich schließlich orgelmächtig aufschwang…

…und direkt in Frédéric Chopins Berceuse Des-Dur (Opus 57) mündete. Eine kleine Überraschung, deren Sinn sich jedoch auch später nicht ergab. Aus dieser Bündigkeit folgte vor allem ein struktureller, sich wiegender Chopin mit dominantem Baß – er hätte mehr Freiheit und Leichtigkeit gebraucht!

Zu Stefan Heucke leitete Martin Stadtfeld ebenso unterbrechungsfrei über, auch wenn er hier kurz absetzte. Heucke spielt in dem vierteiligen, aber einsätzigen Stück mit den Strukturen, läßt das Choralmotiv im Baß und im Diskant erklingen und schafft so Echoeffekte, einen (gedanklichen) Widerhall, einen Kontemplationseffekt, der mitunter verblüfft. Nicht zuletzt deshalb, weil durch die Transponierung die Baß- zur Melodiestimme wird (und umgekehrt). Die Modernität zeigt sich aber auch im Klangflirren, dem »Drumherum«, das die Sonate immer wieder aus sich selbst heraus erzeugt und bis in Clusterfiguren reicht.

Soweit ein schönes Programm, das aber wohl mit einzelnstehenden Stücken besser gewirkt hätte – jedes Werk würde deutlich für sich sprechen.

Nach der Pause waren schließlich Johann Sebastian Bachs »Aria mit verschiedenen Veränderungen sowie verschiedene Canones über die ersten acht Fundamentalnoten vorheriger Arie« BWV 1087 (Fassung: Martin Stadtfeld) angekündigt. Nun handelt es sich bei besagter Verzeichnisnummer um vierzehn Kanons, die der Komponist in eine gedruckte Ausgabe seiner »Goldberg-Variationen« (welche damals noch nicht so hießen) BWV 988 selbst eingetragen hat. Martin Stadtfeld, der in der Vergangenheit schon mehrfach Bach-Werke bearbeitete (etwa mit der Übertragung von Präludien und Fugen BWV 553-560 auf das Klavier), hat aus den beiden BWV 988 und 1087 einen neuen Variationszyklus geschaffen, in dem er nicht nur nach jeder dritten Variation einen Kanon einfügte, sondern auch die Aria um ein Vor- bzw. Nachspiel im Baß ergänzte.

Wohlgemerkt: Die »normalen« Goldbergvariationen allein sind oft der einzige Punkt eines Programms! Dabei war der reichlich zwei Stunden lange Abend gar nicht unbedingt zeitlich übermäßig, jedoch sehr gehaltvoll. Die Neufassung der Goldberg-Variationen dürfte kaum jemand gekannt haben, zudem fehlte im Programmheft (wie sonst üblich) die Folge der Teile, was gerade in der ergänzten Fassung interessant gewesen wäre und bei der Orientierung geholfen hätte. Schließlich hat der Pianist gerade in den Variationen nach den eingefügten Kanons offenbar (teilweise) die Stimmen verändert oder zumindest die Betonung stark abgewandelt. Mancher Kanon erklang nun so mächtig wie Buxtehudes Orgelstück vom Beginn, nachfolgende Variationen gerieten dabei schlicht laut und metallisch.

Ein wenig schade, denn zum »Berieseln« allein war der Abend zu spannend, auch verriet Martin Stadtfeld immer wieder, weshalb er einst den (ersten) Bachpreis gewann: es gelingt ihm, Spannungen zwischen den Stücken aufzubauen und diese sinnig wieder abzuleiten. Und immer wieder verwandelte er den metallischen Klang in schlicht schimmerndes Silber.

1. Juni 2018, Wolfram Quellmalz

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