Mit doppeltem Schlußpunkt

»Bachs Requiem« in der Versöhnungskirche

Der Titel ließ zunächst aufhorchen bzw. sorgte für Verwunderung. Immerhin hat Johann Sebastian Bach kein dezidiert »Requiem« genanntes Werk hinterlassen. Oder sollte es das Requiem eines anderen Komponisten auf Bach sein?

Nein – die Kirchenmusiktage 2018 hatten seit dem 2. November Gedanken und Gedenken besonders auf zwei historische Daten gelegt: den Beginn des Dreißigjährigen Krieges 1618 und das Ende des Ersten Weltkrieges 1918. In diesem Sinne waren die Programme von Margret Leidenberger und Ercole Nisini ausgewählt worden. Für den Abschlußabend in der Striesener Versöhnungskirche am Sonnabend hatte Nisini ein Pasticcio sacro zusammengestellt, in dem er Werke Johann Sebastian Bachs mit der Missa sine nomine (etwa »Messe ohne Namen«, also ohne konkreten Bezug) von Giovanni Pierluigi da Palestrina und Stücken von Johann Bach und Johann Christoph Bach zu einem Werk fügte. Immerhin war es früher (und später) üblich, nicht nur bestehende Teile eigener und fremder Kompositionen wiederzuverwenden, sondern auch durch Kombination und Hinzufügung Neues zu schaffen. Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel Bach hatte das »Parodie-Verfahren« während seiner Hamburger Zeit zum Beispiel genutzt, um den Bedarf an Oratorien und Feiermusiken zu kirchlichen Anlässen (und anderen) zu erfüllen.

Hier nun trafen Gregorianik auf Choräle, Kontrapunktik auf a-capella-Chorgesang. Der Chor, das waren Magdalene Harer und Joonwon Chung (Sopran), Alexander Schneider (Alt), der auch Teile der Leitung übernahm, sowie Johannes Gaubitz (Tenor), Felix Rumpf (Bariton) und Matthias Lutze (Baß). Als instrumentale Begleitung unter der Leitung von Posaunist Ercole Nisini hatten sich das Ensemble Polyharmonique und die Instrumenta Musica vereinigt, zu denen Dresdner Musiker und Gäste aus Belgien und anderen Ländern gehörten.

Was in der Ankündigung so ungewohnt schien, war nicht weniger als eine musikalische Andacht und ein Gedenk-Konzert mit Sängern, die solistisch, fünf- oder sechschörig auftraten, einem Instrumentalensemble, das mit Gamben honiggolden tönen, aber auch mit Zink und Posaune prachtvoll strahlen konnte. Im Charakter und mit Bezug zum Text traten die unterschiedlichen Instrumentierungen wirkungsvoll hervor – nicht beliebig auf den Effekt zielend, sondern in Stimmung und Balance registriert wie eine Orgel. Auch die Stimmen der Sänger in den verschiedenen Kombinationen bis hin zum verdeckt aus dem Hintergrund agierenden Alexander Schneider fanden sich stimmig in Betonungen und Rollen.

Nur anfangs waren einzelne kleine Abweichungen von dieser Balance zu spüren. Die von Ercole Nisini mit einem Text versehenen Instrumentalstücke hatten Sinn und Entsprechung gefunden, so konnte man fortwährend dem Gehalt der Musik in ihrem Text (als Choral oder Messetext) folgen, einzig der Contrapunctus 1 blieb in der Mitte des »Requiems« instrumental – eine kontemplative Pause. Doch gerade dies verstärkte den Charakter einer Andacht.

Mit den wahrlich betörenden Gesängen Palestrinas war diese zwar dem historischen Gedenken gewidmet, jedoch ohne eine lähmende Bedrückung. Freilich läßt sich streiten, welchen Sinn es macht, die Teile einer Messe im Wechsel mit anderen Texten erklingen zu lassen, auch wenn diese um gemeinsame Themen kreisen. So gab es schließlich zwei Schlußpunkte: das Communio Palestrinas, das im Lux aeterna recht unvermittelt abbricht, gefolgt von dem (mit dem Choral »Wenn wir in höchsten Nöten« ergänzten) letzten Teil aus der »Kunst der Fuge«.

19. November 2018, Wolfram Quellmalz

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