Mit Clara Schumann ins Konzert

Ragna Schirmer auf den Spuren der berühmten Virtuosin

Lange war die Villa Teresa nicht so gut besucht – zu allen an den Kammermusiksaal grenzenden Nebenräumen (Herrenzimmer, Damensalon und Bibliothek) waren die Türen geöffnet und dort zusätzliche Stühle gestellt worden, so daß am Ende auch jene Besucher, die trotz des Hinweises »ausverkauft« am Sonntag nach Coswig gekommen waren, nicht weggeschickt werden mußten. Selbst wer nur einen Hörplatz bekommen hatte, war schließlich dabei.

»Dabei« heißt hier nicht einfach bei einem Konzert oder Klaviernachmittag, sondern bei Ragna Schirmer, die es wie kaum jemand versteht, ihre Programme zu vermitteln. Nicht Moderationen sind es oder Werkeinführungen; der Pianistin gelingt es stets, dem Publikum jene Menschen näherzubringen, um die es geht – an diesem Tag vor allem Clara Schumann –, und um den Weg, wie sie selbst den Personen und ihren Werken begegnet ist, Lebensstationen nachvollzogen hat. Ragna Schirmer sah im Archiv des Zwickauer Schumann-Hauses nicht nur über 1400 Konzertprogramme Clara Schumanns durch (viele davon mit Kommentaren der Pianistin versehen) und schrieb sie ab; sie weiß nicht nur, was Clara Schumann gespielt hat, sondern auch wo, wie oft und in welcher Fassung. Denn nicht immer wurden ganze Stücke aufgeführt, oft nur Sätze ausgewählt.

Georg Friedrich Händels Suite g-Moll (HWV 432) zum Beispiel gehörte zu den Clara-Schumann-Programmen, zumindest die letzten Sätze – die Passacaille hat sie wohl besonders geliebt. Aber auch Ragna Schirmer liebt die Musik Georg Friedrich Händels ganz besonders. Sie lebt nicht nur in dessen Geburtsstadt, sie hat alle Händel-Suiten auf CD aufgenommen (2009, Berlin Classics). Und so einigten sich »Clara« und »Ragna« darauf, dieses Mal die ganze Suite zu spielen. Natürlich hat es schon im 19. Jahrhundert auf einem damaligen Klavier anders geklungen als zu Händels Zeiten auf dem Cembalo, romantischer vielleicht. Der Thürmer-Flügel in der Villa Teresa durfte gestern etwas schwerer, vollblütiger klingen, Ragna Schirmer band die Suite mit schön gestalteten Übergängen zu einem Ganzen und führte sie über eine entspannte Sarabande und eine verträumte Gigue in der Passacaille mit weichen Konturen zu Ende.

Übrigens mag man »sanft« oder »weich« als weibliche Attribute sehen, das heißt aber nicht, daß Pianistinnen immer so spielen müssen. Im Gegenteil: Ludwig van Beethovens Klaviersonate »Waldstein« (Nr. 21, C-Dur) fordert an Struktur, Rhythmik und Ausdruck zupackende Hände. Ein wenig übermütig, wild – mit anderen Worten: beethovenisch – setzt das Allegro con brio an – »mit Schwung« nahm Ragna Schirmer sehr genau, war ganz beim Stück oder bei Beethoven und kümmerte sich keinen Deut um vermeintlich weibliche Attribute. Gerade hier zeigte sie die ganze Spannweite dramatischer Gestaltung, von der Bedachtsamkeit des zweiten Satzes, die an Schwere gewinnt, sie wieder auflöst, bis zum Aufbruch durchs-Dunkel-ans-Licht und wiedergewonnener, nein, eroberter Leichtigkeit. (Im Park der Villa sangen die Meisen.)

Natürlich hatte Clara Schumann weit mehr als Händel und Beethoven (den schon der Vater als wohl größten Meister verehrt hatte) gespielt. Auch die Werke ihres Mannes Robert standen oft auf dem Programm, und so folgten nach der Pause die »Kinderszenen« sowie »Carnaval«. Ragna Schirmer gestaltete die Szenen und Charakterstücke reich aus, ließ im »Hasche-Mann« der virtuosen Fingerfertigkeit freien Lauf, zeigte, daß die »Wichtige Begebenheit« frohgemut gesehen werden kann, während der Dichter am Ende wohl durchaus mahnend und ernsthaft gesprochen haben muß.

Den »Carnaval« gab es danach in Claras Version, also ohne jene Teile bzw. Figuren Eusebius, Florestan, Coquette und Estrella, welche Clara Schumann auch nicht gespielt hatte. Das schloß jedoch eine vertiefte Deutung nicht aus, daß sich grelles Licht und Dunkelheit oder Schatten gegenseitig bedingen, Papillons dürfen gaukeln und Vivo sehr lebhaft sein!

Ein Clara-Schumann-Konzert ohne ein Clara-Schumann-Stück gab es natürlich nicht, und so folgte als Zugabe noch das Scherzo Opus 14.

18. Februar 2019, Wolfram Quellmalz

Mehr von Ragna Schirmer und Clara Schumann gibt es demnächst. Noch ein wenig müssen wir uns gedulden, aber im Mai sollen zwei weitere CDs folgen, die dann auch auf diesen Seiten zu finden sein werden.

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