Meisterkonzert mit dem Horszowski Trio

Moritzburger Gäste auf Schloß Albrechtsberg in Dresden

Mit den nächsten zwei Abenden begrüßen die Meisterkonzerte auf Schloß Albrechtsberg den Frühling. Anders als beim Moritzburg Festival, dem Veranstalter der Reihe, der im August vor den Toren Dresdens Musiker einlädt, welche sich zu immer neuen Formationen finden, treten hier auch feste Ensembles auf. Das Horszowski Trio (Rieko Aizawa / Klavier, Jesse Mills / Violine und Raman Ramakrishnan / Violoncello) erfreute die Besucher mit zwei Meilensteinen der Literatur für Klaviertrio: dem Opus 63 von Robert Schumann in d-Moll sowie dem zweiten Klaviertrio von Dmitri Schostakowitsch (Opus 67, e-Moll).

So viel Moll an einem trüben Tag – konnte man da mit trüber Stimmung rechnen? Nein, wohl kaum! Schon Robert Schumanns Satzbezeichnungen »Mit Energie und Leidenschaft«, »Lebhaft, doch nicht zu rasch«, »Langsam, mit inniger Empfindung« sowie »Mit Feuer« verhießen leidenschaftliche Musik.

Sie wurde auch leidenschaftlich musiziert, um so wichtiger, da Schumann selten eines der Instrumente herausstellt, die Stimmen vielmehr in inniger Umschlingung singen läßt. Schumanns »Liederjahr« läßt sich kaum auf 1840 begrenzen, die kantable Qualität seines Trios ist schlicht berückend, vor allem, wenn es so gekonnt vorgetragen wird. Nicht nur »Feuer« boten die drei Musiker, sondern auch eine Ausgeglichenheit, die dem anderen einmal den Vortritt läßt. Da ließ sich trefflich sinnen (oder assoziieren), ob hier wirklich Klavier, Violine und Violoncello oder nicht doch Robert, Clara (Schumann) und Johannes (Brahms) ein fröhliches Divertimento pflegten.

Elliott Carter gehört zu den bedeutendsten Komponisten des 20., noch des 21. Jahrhunderts. Leben, Person und Werk verdienen allemal Beachtung, und es war schön, daß dies wieder einmal geschah. Zweitausendzwölf (da war Carter bereits 103 Jahre alt!) entstand ein Dutzend »Sinn- und Spottgedichte«, Pierre-Laurent Aimard zugeeignet. Nur fünf daraus standen auf dem Programm, und sie offenbarten eine szenische Vollkommenheit, die von minimalistischer Präzision ebenso kündeten wie von der emotionalen Fallhöhe eines Umschwungs. Einerseits spielt Carter darin mit musikalischen Reflexen, Rede und Gegenrede der Spieler, andererseits schafft er Stimmungen, Schattierungen, verknüpft die Ebenen von »Handlung« und »Hintergrund«, was allein genügt, um die Kategorie »Minimalismus« auszuschließen. Und so begnügte sich das Horszowski Trio nicht mit Knappheit und exaktem Metronom, sondern lotete stimmliche Bezüge und lichtvolle Farben aus. Ganz phantastisch – und schade, daß nicht alle zwölf Stücke auf dem Programm gestanden haben. Ein paar Minuten mehr hätte man gerne noch gelauscht!

Lauschen durfte man anschließend einem der »Flaggschiffe« der Kammermusik: Schostakowitschs zweitem Klaviertrio. Nicht nur gern aufgeführt, auch gern zitiert spielt es sogar eine zentrale Rolle im Film (»Das Mädchen, das die Seiten umblätterte« von Denis Dercourt, 2007). Die Leidenschaft ist hier eine ganz andere. Rieko Aizawa, Jesse Mills und Raman Ramakrishnan setzten die herbe, rauhe Atmosphäre fast greifbar um, die dämmrige, trügerische Fahlheit. Verharrend, fast stehend begann der erste Satz, der schließlich (anders als bei Schumann) solistische Passagen hervorbringt, Kraft und Farbe, beinahe grell wird. Emphatisch folgte das Allegro con brio, das effektvolle Largo schien einen Konflikt zu schüren, dessen Auflösung im Allegretto jedoch nachfolgte. Ein Ruhepunkt für die Seele, aber mit dem Widerhall einer Trauer.

Von hier durfte sich das Werk dehnen, wachsen, sich aufbäumen (welch herrliches Cello!). Und wie schön, daß das Horszowski Trio auf »komische« Ausdeutung des Themas (in seien Variationen) verzichtete. Nur oberflächlich scheint dies witzig (selbst Musiker lassen sich dazu verleiten, einen verzerrten Ton noch zu betonen mit der entsprechenden Mimik zu begleiten), ist aber vollkommen unnötig. Pur und emotional klang Schostakowitsch viel echter, bis er am Ende, fragil beinahe, zu zerbröseln schien. Was für ein Schlußwort!

30. März 2019, Wolfram Quellmalz

Das nächste Meisterkonzert gibt es am 12. April, 20:00 Uhr auf Schloß Albrechtsberg: das Lutosławski Quartett aus Dresdens Partnerstadt Wrocław spielt dann Werke von Joseph Haydn, Pawel Markowicz sowie Ludwig van Beethovens einem Vermächtnis nahekommendes Streichquartett Opus 131.

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