Dresdner Orgelzyklus fortgesetzt

Gespräch »unter der Stehlampe« mit Leon Berben

Alle drei Wochen werden seit Beginn des Jahres Besucher im Vorprogramm des Orgelkonzertes in der Kreuzkirche zu einem Vorgespräch geladen. Den »Retrochic« der dabei zum Einsatz kommenden Sessel erklärte Kreuzkantor Holger Gehring gestern ganz pragmatisch: sie stammen aus dem Kantorenzimmer der Kreuzkirche – und aus tiefsten DDR-Zeiten. Für die Gespräche werden sie nun jeweils herab- und wieder heraufgetragen und spielen eine neue, ehrenvolle Rolle.

Diesmal konnte man vorab einiges über und von Leon Berben (Köln) erfahren, der bis zu deren Auflösung Cembalist der Musica Antiqua Köln gewesen ist und heute unter anderem zusammen mit dem Concerto Melante spielt. Das Cembalo war für den jungen Musiker eine Offenbarung, als einmal die Orgel nicht zur Verfügung stand und er mit seinem Lehrer an einem »Kielflügel« spielte. Damit stand sein Berufswunsch fest. Noch heute spielt Leon Berben Orgel und Cembalo gleichermaßen. Auf dem Weg dahin hat er bei so berühmten Lehrern wie Gustav Leonhardt und Ton Koopman studiert, die – wie man erfuhr – unterschiedlicher kaum hätten sein können. Da der aristokratische, exakte und seine Lehre vermittelnde Leonhardt, dort der offene, immer zur Diskussion bereite und auf der Suche befindliche Koopman. »Man kann das gleiche Buch lesen und zu unterschiedlichen Ergebnissen gelangen«, auch das lernte Leon Berben dabei.

Mit derlei Voraussetzungen und einem Hang zur »Alten Musik« durfte man für den gestrigen Mittwoch etwas Besonderes erwarten. Und so freute sich Holger Gehring auf ein Programm, das mit einem »modernen Stück enden wird« – mit der Passacaglia von Johann Sebastian Bach. Anders als sonst also, wenn an der Jehmlich-Orgel Bach der älteste Komponist ist und vor allem Werke der Romantik und Moderne erklingen, blieb Leon Berben seiner Liebe treu, der Kern seiner Musik lag im 17. Jahrhundert.

Dabei hätten sich – zeitlich gesehen – die Komponisten des Abends alle »die Hand reichen« können, denn die Lebensdaten von Girolamo Frescobaldi, Jan Pieterszoon Sweelinck, Heinrich Scheidemann, Dieterich Buxtehude und Johann Sebastian Bach überschneiden sich, so daß man – zumindest theoretisch – eine Generationenkette bilden kann. Manche der Komponisten, wie Johann Sebastian Bach und Dieterich Buxtehude, kannten sich nicht nur, sondern sind sich wirklich begegnet.

Die ersten Werke, Toccata settima und Capriccio sopra la Spagnoletta von Girolamo Frescobaldi sowie Jan Pieterszoon Sweelincks Fantasia Crommatica, spielte Leon Berben auf der liegenden Wegscheider-Orgel. Seinem Motto bzw. Programmtitel entsprechend verband er dabei virtuoses Feingefühl und poetische Farbgebung. Hell und fröhlich schwang sich die Toccata auf wie ein Chor lebhafter Flöten, im Mittelteil trat, gedeckt klingend, das Poetische hervor. (Ähnlich, aber doch ganz anders sollte es später bei Heinrich Scheidemanns Praeambulum in e an der großen Jehmlich-Orgel ertönen. Jan Pieterszoon Sweelinck entzückte zuvor jedoch mit seiner Klarheit und strukturellen Feingliedrigkeit, die hier aber nichts metrisches oder bemessenes hatte, sondern höchst lebendig vorgetragen wurde.

Mit Scheidemann und vor allem Dieterich Buxtehude (Te Deum Laudamus, BuxWV 218) näherte sich Leon Berben langsam dem »modernen« Barock. Scheidemanns Praeambulum schien in seiner Strahlkraft nach dem Wechsel des Instruments besonders eindrücklich, während Buxtehude jene kompositorische Meisterschaft offenbarte, an der auch Bach gelernt hatte. Und trotzdem waren hier helle Flöten- und Oboenregister ebenso prägend, luftige Töne statt mächtiger, drückender Schwere.

In Johann Sebastian Bachs Passacaglia c-Moll (BWV 582) fand der Abend seinen Abschluß. Anders als Sweelinck, dessen Fantasia in Schleifen und Kreisen um ein Thema mit wechselndem Charakter webt, vollführte Bach (Berben) an der Passacaglia eine ununterbrochen aufwärtsführende Spiralbewegung. Nach solcher Steigerung blieb kein Raum mehr für eine Zugabe.

4. April 2019, Wolfram Quellmalz

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