Bewegung im Spiel

Domorganist Johannes Trümpler tanzt beim Dresdner Orgelzyklus in den Mai

Für den gestrigen Mittwoch hatte sich Johannes Trümpler Werke ausgewählt, die – viele davon im zwanzigsten Jahrhundert entstanden – sowohl zur Orgel wie zur aktuellen (Jahres-)Zeit passen. Letzteres läßt sich auf den Kirchenkalender und die Tage zwischen Ostern und Pfingsten beziehen, aber auch ganz allgemein und romantisch oder volkstümlich auf den »Tanz in den Mai«.

Wie unterschiedlich man dies noch musikalisch auslegen kann, bewiesen Stücke von Bernardo Juliá, Augustinus Franz Kopfreiter oder Olivier Messiaen. Schon Juliás Exultacion: Alleluia, Cristo Resucitó war von einem expressiven Strahlen geprägt. Auswärtsfiguren, also Motive, die sich nach oben richteten, zum Licht, gab es vielfach an diesem Abend zu hören. Sie lassen sich gleichermaßen allgemein als Neubeginn und Wachsen interpretieren, tragen oft aber einen Auferstehungsgedanken in sich (im Ursprungstext). Augustinus Franz Kopfreiter wiederum stellte religiöse und weltliche Tänze in Danse sacrale – Danse profane gegenüber.

Johannes Trümpler setzte einerseits gekonnt Betonungen, formte die Expressivität, so daß man an vielen Stellen an Tanz oder Ausdruckstanz denken konnte, gleichzeitig gelang es ihm, stets eine dem Raum angemessene Stimmung und Dynamik zu wahren. Eindrucksvoll auch in Johann Sebastian Bachs Praeludium et Fuga in C. Hier tritt die Baßstimme (Pedalsatz) erst spät zur Fuge hinzu, worin der Domorganist das Bestreben Bachs nach einem besonders gravitätischen Ausdruck erkannte. Er wechselte dabei, wie er im Vorgespräch »unter der Stehlampe« verriet, vom Oberwerk auf das Hauptwerk – der Effekt gab ihm recht.

Wirklich bezaubernd gelang Olivier Messiaens VI Joie et Clarté des Corps Glorieux, das vielgliedrig, triolisch und mit Fanfaren eine festliche Stimmung mit einer räumlichen Musikentfaltung verbindet. Ebenso entdeckenswert war Dieterich Buxtehudes Choralverarbeitung »Auf meinen lieben Gott«, die – ganz ungewöhnlich! – als Partita verschiedene Kunstsätze (Allemande, Courante, Sarabande und Gigue) aufgreift und dem Expressiven an diesem Tag eine von Johannes Trümpler besonders tiefempfundenen Introspektivität entgegensetzte.

Freud und Leid liegen ja bekanntlich nicht nur im Sprichwort nahe beieinander. Ihre Klangsprache ist jedoch zunächst höchst unterschiedlich, wie man einmal mehr durch die Tänze Jehan Alains erfahren durfte. Joies (Freuden), und Deuils (Trauer) sind direkt ineinander übergehende Sätze, welche – erneut – aufwärtsstrebend einen klaren Bewegungsimpuls tragen. Mit seiner impulsiven Rhythmik gibt das Stück sogar einen Melos vor, den der Pop später aufnehmen sollte. Hochinteressant auch die »Trauer«, die mit Liegetönen in Mittellage verharrt, wozu die Melodie in den Baß »rutscht«. Schließlich finden beide in Luttes (Kämpfe) zusammen, wobei die Trauer zunächst zu dominieren scheint. Alain schloß das Stück jedoch mit einem Hoffnungsschimmer zuversichtlich ab, aus dem Johannes Trümpler einen Aufschwung des Tanzes oder einfach als beschwingte Bewegung in den Abend den freundlichen Ausklang formulierte.

2. Mai 2019, Wolfram Quellmalz

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