Janowski, der Panther

(Wieder)antrittskonzert von Marek Janowski bei der Dresdner Philharmonie

Es schien fast, als hätten sich die sächsischen Spitzenorchester verschworen: Staatskapelle, Gewandhaus und Philharmonie – alle begannen die neue Saison am selben Abend. Wer alle Programme erleben wollte, mußte zwischen Dresden und Leipzig pendeln, ganz zu schweigen davon, daß auf den Bruckner der Philharmonie (acht) der Bruckner des Gustav Mahler Jugendorchesters folgte … Glückliches Sachsen!

Marek Janowski war bereits einmal Chefdirigent der Dresdner Philharmonie gewesen (2001 bis 2003), und wenn an die alte Geschichte, daß er die Stadt damals im Streit verlassen hatte, weil der zugesagte neue Konzertsaal nicht gebaut wurde, heute noch einmal erinnert wird, dann nur deshalb, weil Janowski nun, nachdem der Saal doch geplant und 2017 endlich fertig war, auch als Chefdirigent zurückkehrt. Das Antrittskonzert war also ein Wiederantrittskonzert, der neue, alte Chef führt jetzt zu Ende, was damals offengeblieben war.

Und er wählte erneut eines seiner Markenzeichen: Bruckner. Einen der Komponisten, die er bereits zyklisch aufgenommen hat, wie der CD-Stand von Opus 61 im Foyer bewies (auch wenn dabei andere Orchester die Partner waren). In der »Dresdner Neuzeit« (des umgebauten Kulturpalastes) hat er hier schon die sechste und die neunte Sinfonie zelebriert, dazu die Messe Nr. 3. Nun also die achte in der zweiten Fassung von 1890, allein schon durch seine Ausmaße eines der forderndsten Werke: es ist, gemeinsam mit der fünften, Bruckners längste Sinfonie. Marek Janowski nahm sich beinahe eineinhalb Stunden dafür.

Unter seinen Händen wurde die Dresdner Philharmonie zum Raubtier. Keine fauchende Wildkatze, sondern ein elastischer, leiser Panther, der nicht erst droht, sondern plötzlich auftaucht, da ist, zupackt. Es begann mit den ersten Takten und ließ niemals nach – ein Panther, der nicht schläft.

Schon mit dem Allegro war eine Spannung da, von den Streichern evoziert, von den Blechbläsern noch zusätzlich angefacht – bis die Oboe (Undine Röhner-Stolle) die Szenerie beruhigt. Was hier schon beeindruckte: Janowski setzte das moderato direkt in eine Schlankheit um, die niemals an Stringenz verlor, aber jede Wucht mied. Damit wahrte er nicht nur die Durchhörbarkeit, er ließ auch die Soli der Flöte unverdeckt durchleuchten. Bedächtig, aber hellwach lauerte der Panther am Ende des ersten Satzes.

Und sprang mit dem frappierenden Hornruf Jörg Brückners gleich wieder los. Die Sinfonie hellte auf, der Panther setzte zum Sprung an, der Triumph schien nahe … Da beruhigte sich die Szenerie. Geschmeidig umspielten die Streicher »unvorsichtig« kecke Holzbläser, das Horn warnte …

Fahl, wie im Nebel begann das Adagio. Spannungsvolle Entspannung – der Panther sann wehmütig, lauerte aber unvermindert weiter. Die Holzbläser umschmeichelten ihn, wollten schier verzaubern, doch er (oder Marek Janowski) ließ sich nicht täuschen. Fast übergangslos war eine Kulmination da, Ekstase – hatte der Panther die Beute bereits erwischt?

Nur kurz dauerte die feierliche Beruhigtheit zu Beginn des Finales an. Doch sogleich trieb ein rhythmischer Puls der Streicher neu an, preschten sie los, die Fanfaren der Trompeten, Hörner und Wagnertuben riefen zur Jagd. Marek Janowski zeichnete den Satz kompromißlos – da, wo der erste noch fraglich schien, herrschte nun Gewißheit – der Panther machte Beute und leckte sich selbstzufrieden die Pranken!

Nach dem Schluß herrschte mehrere Takte lang Stille, den endlich langanhaltender Applaus unterbrach. Draußen ist die Luft schwül, scheint aufgewühlt, als habe sie drinnen mitgehorcht. Hunderte Schwalben starten vom Dach des Kulturpalastes …

1. September 2019, Wolfram Quellmalz

Den »Panther« gibt es heute, 18:00 Uhr, noch einmal

Nächstes Konzert mit Marek Janowski: »Quattro pezzi sacri«, 14. September, 19:30 Uhr, Kulturpalast, Werke von Dallapiccola und Giuseppe Verdi (mit Iwona Sobotka / Sopran und dem MDR-Rundfunkchor)

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