Melancholischer Impressionismus und stürmische Romantik

Sächsische Staatskapelle beginnt die Saison mit Rachmaninow und Brahms

Der Spielzeitbeginn mit dem Ersten Gastdirigenten Myung-Whun Chung war in gleich zwei Programme aufgeteilt: am Sonnabend und Sonntag eröffnete er mit der Pianistin Yuja Wang und Sergei Rachmaninows drittem Klavierkonzert, am Montag legten er und die Sopranistin Laura Aikin mit Georges Enescus »Sept Chansons de Clément Marot« Opus 15 für Singstimme und Kammerensemble sowie Carl Maria von Webers »Freischütz«-Ouvertüre nach. Nach der Pause folgte jeweils Johannes Brahms‘ zweite Sinfonie.

Das Œuvre Rachmaninows findet zwar vereinzelt, aber dennoch stetig ins Konzertprogramm, die sinfonischen Dichtungen oder Klavierkonzerte sind nach wie vor beliebt. Pianistin Yuja Wang spielte diesmal nicht das virtuose zweite, sondern das etwas melancholischere dritte. Doch »russische Seele« allein verbirgt sich nicht dahinter, vielmehr eine versponnene, impressionistische Träumerei, die an die Idiomatik mancher französischer Klavierkonzerte von Poulenc oder Ravel erinnert (was ganz nebenbei also gut paßt zu Enescu, jenem Rumänen, der den Impressionismus so wesentlich mitgeprägt hat).

Yuja Wangs Auftritte sind oft spektakulär, doch muß man der Pianistin attestieren, daß sie seit ihrem ersten Konzert hier (2007 als Ersatz für Martha Argerich) enorm dazugelernt hat. So wußte sie durchaus, Rachmaninows Werk dynamisch zu gestalten, ihre Tempi waren teilweise sehr individuell, aber nachvollziehbar – Myung Whun Chung schaute das ein oder andere Mal über den Deckel des Flügels, um den Einklang mit dem Orchester zu wahren. Dabei verstand es Wang, Akzente zu setzen und eine allzu seichte Romantik zu vermeiden, blieb in der Artikulation aber gerade in schnellen Passagen etwas verschwommen.

Chung ordnete die Parts von Solistin und Orchester wohl und offenbarte eine Vielfarbigkeit, die sich noch in kleinen Kammerbesetzungen wiederfand, etwa nach der Kadenz im ersten Satz, die sich in Duos für Klavier und Flöte, dann Oboe und schließlich Klarinette auflöst.

Das Intermezzo war voller köstlicher Momente, wuchs aus Streichern und Bläsern, in die sich das Klavier mischte wie im Rausch einer Brandung. Und auch die Folgerichtigkeit des Finales, das sich vehement anschloß, arbeitete der Dirigent klar heraus. Ganz ohne virtuoses Brausen ging es dabei nicht, und so überraschte der etwas überhöhte Schlußakkord, für den es zuvor keine Entsprechung gegeben hatte.

Zwei Zugaben sind wohl eher »Wang« als »Usus« nach einem Klavierkonzert, und so holte sich die Pianistin nach einem etwas verwässerten »Gretchen am Spinnrad« (Schubert / Liszt) noch die publikumswirksame Carmen-Phantasie (Bizet / Horowitz) hinzu.

Alle Pracht der Farben bzw. der Staatskapelle gab es nach der Pause mit Johannes Brahms‘ Sinfonie D-Dur. Brahms gewinnt aus der freudig-kriegerischen Tonart – nebst Ausflügen in andere – ironische Doppelbödigkeit, die bei Chung gleichermaßen zum Schwelgen einlud wie zum Betrachten des Idylls – Begriffe wie »Waldesruh« lagen schon zu Beginn nah, und hier nun war jeder Akkord wohlgesetzt – jeden Satzschluß und auch ein kurzes Innehalten im Adagio inbegriffen.

So darf es gerne weiterblühen – als Krönung gab es noch Brahms‘ Ungarischen Tanz Nr. 1.

2. September 2019, Wolfam Quellmalz

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