Mitreißender Einspringer

Omer Meir Wellber übernahm 6. Sinfoniekonzert der Staatskapelle

Energie, Passion und Inspiration hat der Mann offenbar genug: eben erst stellte Omer Meir Wellber sein neues Buch auf der Frankfurter Buchmesse vor, dann übernahm er kurzfristig das sechste Sinfoniekonzert der Sächsischen Staatskapelle vom erkrankten Alan Gilbert und noch den Part am Flügel in Sergej Prokofjews »Ouvertüre über hebräische Themen« für Klarinette, Streichquartett und Klavier Opus 34. (Immerhin: die Solovioline spielte wie geplant Leonidas Kavakos.)

Prokofjews kleines Kammerstück (mit dem Konzertmeisterquartett Roland Straumer und Reinhard Krauß / Violinen, Florian Richter / Viola und Friedwart Christan Dittmann / Violoncello sowie Wolfram Große / Klarinette) erwies sich am Sonntagvormittag nach der Pause durchaus nicht als Sextett im herkömmlichen Sinne und verriet viel über die Herangehensweise des Dirigenten: sinfonisch, durchdacht und mit feinen Abstufungen erklang die Ouvertüre, in der ein Melos des jüdischen Liedes mitschwang, einzelne Instrumente leicht hervortraten, doch der innige Verbund nie aufgegeben wurde.

Schostakowitschs sechste Sinfonie stand dem nicht nach, übertraf Prokofjew dabei im Schwung und in der Begeisterung. Deutlich gelöst nach den Schmähungen der Parteibonzen und dem Befreiungsschlag der fünften Sinfonie durchschreitet Schostakowitsch die Themen, steigert sich von kalten Klangfarben bis in einen fröhlichen Tumult. Der Staatskapelle gelang es zu zeigen, daß der Weg dorthin kein »linearer« ist, sondern ein differenzierter, klangreicher, der ein Duett der Flöten einschließt und heitere Motive in Streicher und Bläser »streut«, losstürmt, aber auch fein ausklingt. Omer Meir Wellber ließ sich viel Zeit, die langsamen Passagen ausformen zu lassen, Stufungen zu fügen, Punktierungen wirken zu lassen, ohne daß sie »hervorstachen«. Er konnte zwar fordern, ließ dem Orchester aber oft Freiraum und nahm an, was es zu bieten hatte.

In solcher Kongenialität war zu Beginn bereits Béla Bartóks zweites Violinkonzert erklungen. Leonidas Kavakos leitet seine Konzerte bekanntlich gerne selbst von der Violine aus (beispielsweise bei Mozart) und ist den differenzierten Umgang mit einem Orchester gewohnt. So nahm er auch einmal direkten Kontakt mit dem Konzertmeister auf, wenn dieser zum Beispiel die Pizzicati anführte, zu denen Kavakos seine Stradivari singen ließ.

Dies Singen war ein fabel-, ein lerchenhaftes. Bartók konnte mit seinem Verständnis die Innigkeit, die er bei eigenen Hörstudien erfahren hatte, in eine emotionale und entwickelte Melodie einschließen, die von biederer »Volkstümlichkeit« ebensoweit entfernt ist wie von artifizieller Virtuosität.

Im Wechsel des Solisten mit dem Orchester blieb das Konzert organisch als Ganzes, nicht als sequentielle Folge von Variationen (oder Ideen), sondern nahm mit seinem Farben- und Stimmungsreichtum ein. Leonidas Kavakos ist mit einem schlanken, aber tragfähigen Ton begabt, der ebenso lyrisch klingen wie schroffe, kantige Akzente setzen kann. Ob er das Experiment, dieses Konzert aufzunehmen, noch wagen wird?

Für den jubelnden Applaus bedankte er sich am Sonntag mit dem ersten Satz (»Ménétrier« – der Fiedler) aus George Enescus »Impressions d’enfance« (Klänge der Kindheit). Noch so ein Stück voller Finesse und Witz!

20. Oktober 2019, Wolfram Quellmalz

Meir Wellber Die vier Ohnmachten
Buchtip: Omer Meir Wellber »Die vier Ohnmachten des Chaim Birkner«, Roman, 208 Seiten, Berlin Verlag (22, € / 18,99 als e-Book)

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