Reformation als Jubelfest

Orgelzyklus mit der Sinfonietta Dresden

Zu den Orgelkonzerten, die zwischen Februar und November reihum in den drei Hauptkirchen der Innenstadt stattfinden, gehören immer wieder besondere Formate, die über das Orgel-Solo-Programm hinausgehen. In der Kreuzkirche gibt es seit diesem Jahr darüber hinaus um 19:19 Uhr den Treffpunkt »Unter der Stehlampe« – keine Konzerteinführung im üblichen Sinn, sondern ein Gespräch mit dem Solisten des Abends. Es zielt weniger auf die Stücke des Abends (zu denen im Programmheft nachgelesen werden kann), sondern soll den Hintergrund erhellen – manche Anekdoten über Orgellehrer inbegriffen.

Am Mittwochabend waren Cornelia Palm und Olaf Georgi, Gründungsmitglieder der Sinfonietta Dresden, zum Gespräch eingeladen, denn das Orchester, das sein fünfundzwanzigjähriges Bestehen feiert, war Partner des Konzertes zum Reformationstag mit Werken von Felix Mendelssohn, César Franck und Félix Alexandre Guilmant. Zur Gründungszeit setzte sich die Sinfonietta zu etwa gleichen Teilen aus freien Musikern, Studenten und solchen, die in anderen Orchestern festangestellt sind, zusammen. Heute ist der Anteil freier Musiker deutlich gestiegen, nicht zuletzt, weil sich in den Jahren Nachfrage und Profil entwickelt haben: einen Schwerpunkt findet das Orchester in der Zusammenarbeit mit Kantoreien, welche die Sinfonietta für Passionen, Oratorien und andere Aufführungen Projektpartner schätzen, ein anderes »Feld« ist das Aus-der-Taufe-Heben von neuen Werken. Über sechzig (!) Uraufführungen sind auf der Seite des Orchesters zu finden. Das Wieder-Aufführen gehört ebenso zur Pflege der Neuen Musik, weshalb die Sinfonietta gleich heute in die Kreuzkirche zurückkehren wird.

Am Mittwochabend standen aber Werke zur Reformation (oder in deren Nähe) auf dem Programm. Felix Mendelssohn hatte sich nicht nur in seiner »Reformations-Sinfonie« mit dem Kontext befaßt, auch in vielen anderen Werken sind Gedanken und Worte eingegangen, indem er beispielsweise zum Beispiel Choräle aufgriff – die Ouverture zu »Paulus« ist ein Beispiel dafür, in »Ein‘ feste Burg ist unser Gott« findet die Reformationssinfonie ihren Höhepunkt.

Wie musikgewordenes Licht schien Mendelssohn in der umsichtigen Lesart von Wolfgang Behrend (Leitung), der den Klang von Orchester und Orgel stimmig band. Mendelssohn bzw. das Wort konnten sich als sanfte Macht entfalten, sich mit Leichtigkeit aufschwingen – diese Musik setzt schlicht Endorphine frei! Während die langsamen Passagen mit Gelassenheit singend schienen, durfte Mendelssohn in der Steigerung des Finales jubeln.

Während die Orgel zunächst zwar keine Nebenrolle spielte, aber sich eher bedächtig einmischte, durfte sie im zweiten, französisch geprägten Abschnitt um so mehr auftrumpfen. César Franck war, hatte Kreuzorganist Holger Gehring vorab verraten, einer der pianistischen Orgelkomponisten (ähnlich wie Franz Liszt). Sein Choral No. III verlor sich dennoch nicht in virtuoser Schau, sondern wuchs zu musikalischer Macht.

Die wurde von der Sinfonietta und Holger Gehring mit Félix Alexandre Guilmants Sinfonie Opus 42 Nr. 1 für Orgel und Orchester noch einmal übertroffen. Darin wechselten sich Orgel und Bläser, aber auch Orgel und Celli, in Dialogen und Trialogen ab. Besonders effektvoll gelang die Gegenüberstellung von »echten« Blechbläsern und der Bläserregistrierung der Orgel. Wie schön, daß Wolfgang Behrend das Maß behielt und sich die Musik ohne »Überschlag« entfalten konnte! Das Finale gehörte einem prächtigen Crescendo aus Orgel und Orchester.

1. November 2019, Wolfram Quellmalz

Nächstes Konzert im Orgelzyklus: 6. November, 20:00 Uhr, Hofkirche (Kathedrale) Christian Schmitt (Stuttgart)

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