Entflechtung des Wirrwarrs, Entfachung des Feuers

Collegium 1704 macht turbulente »Arsilda« selbst konzertant lebendig

Antonio Vivaldi ist heute – glücklicherweise! – nicht mehr nur für seine (genialen) Concerti bekannt, sondern längst auch für Opern, Oratorien oder andere sakrale Werke. Das Collegium 1704 hatte neben seinem Magnificat (RV 610) und dem Nisi Dominus (RV 608) und anderem zum Beispiel auch Sonaten und – selbstverständlich! – bereits mehrfach Konzerte im Programm. Gestern führte es eine Krone des Einfallsreichtum des Barockmeisters auf: Mit »Arsilda« (RV 700) gab es erstmalig eine »richtige« Oper (nach Oratorien wie »Israel in Ägypten«) und bewies noch ein weiteres Mal, wie frei und lebendig eine Aufführung sein kann.

Die Handlung von »Arsilda« scheint dabei zunächst verworren, zumindest unübersichtlich, denn gleich mehrfach treten Personen nicht als die auf, die sie sind, sondern als jene, die sie zu sein vorgeben. Die einen (oder anderen) gelten als tot, vermißt, trauern einer alten Liebe nach oder brechen einst gegebene Worte …

Selbst wer das umfangreiche Textheft mitlas, hatte da gehörig zu tun, doch zeigte sich schnell, daß eine generelle Orientierung leicht zu erlangen war – den permanenten Blick auf den Text verbot diese Aufführung sowieso!

Václav Luks erweckte schon in der Sinfonia die vielen Turbulenzen, die Vivaldi und sein Librettist Domenico Lalli dem Publikum bescherten. Doch es war kein rücksichtslos überfordernden Feuerwerk, sondern ein durchdachtes Spiel mit vielen Höhepunkten, aber auch eingeschobenen, aufpeitschenden und beschaulichen Sequenzen, wie schon der Mittelteil der Ouverture versprach.

Musikalisch war dies erneut glänzend, um so mehr, wenn ein Orchester die Farbenvielfalt der alten Instrumente so zu erwecken weiß! Václav Luks bewies hier nicht nur ein Händchen für den Moment, sondern auch für die »planerische Gestaltung«. In manchen Arien Liseas zum Beispiel läßt Vivaldi die Violinen erst schweigen, trägt ihnen dann aber auf, den Gesang weiterzuführen, wenn die Solistin geendet hat. Die Kombinationen der Instrumente sorgen generell für Vielfalt und färben Charaktere höchst individuell. Insofern trug das reiche Instrumentarium mit Jagdhörnern (!), Laute, Barockgitarre, Harfe und Psalterium dazu bei, die Eigenständigkeit der Stimmen bzw. die Verschiedenheit der Personen zu unterstreichen. Zu solchen Ergötzlichkeiten kamen noch jene des Momentes hinzu, wenn zu hören war, wie »luftig« Vivaldis Musik blieb. Noch im Finale, an dem neben dem ganzen Orchester, den Solisten und dem Chor nun wirklich alle beteiligt waren, konnte man die Blockflöten deutlich hören. Die Flauti dolci, die »süßen Flöten«, zeigten an, daß nun alle versöhnt waren, daß alles gut ausgegangen ist.

Zuvor hatten Arsilda (Mireille Lebel), Lisea (Aneta Petrasová), Cisardo (Lisandro Abadie), Tamese (Fernando Guimarães), Barzane (Kangmin Justin Kim), Mirinda (Lenka Máčiková) und Nicandro (Helena Hozová) manchen Strauß auszufechten, Masken abzulegen, Rechenschaft zu fordern, Liebe und Fehler einzugestehen. Brillant war, wie sie dies alle individuell und natürlich ausführten, wie stark die charakterliche Färbung bestimmend war, eben ohne künstlich zu scheinen oder zu übertreiben. Ein Höhepunkt, der ein spontanes »fantastico!« im Publikum auslöste, war die »Vogelarie« Barzanes, (»Quel usignolo c’ha il caro nido« / Das Vöglein, das dem teuren Nest). Der stimmkräftig brillierende Kangmin Justin Kim (Countertenor) wurde hierbei begeisternd effektvoll von Vogelpfeifen begleitet. Das Charakteristische ausnahmslos aller Sänger lag gerade darin, daß sie kein herausgestelltes Merkmal, kein »Figurenmarketing« pflegten, keinem »Schema« folgten, sondern verschiedene Facetten der Personen vorführen konnten. Mireille Lebels Arsilda (Mezzosopran) war schlicht umwerfend! Neben der leuchtenden Höhe beglückten bei ihr gerade die eingestreuten Tiefen, welche die Figur am Boden bleiben ließen, aber auch das Bodenlose verkörperten. Mit einzelnen »Fingerzeigen« wie einem betonten »stassi« bei Ersterben der Liebe oder den »Flammen der Liebe« konnte sie ebenso wirkungsvoll sein wie mit einer winzigen Pause nach der Anrufung »O Dio« (Oh, mein Gott)!

Ein Glücksfall war erneut Aneta Petrasová, welche kurzfristig aus dem Chor des Collegiums Vocale 1704 aufgerückt war. Sie kann nicht nur mit einem warmen Alt einnehmen, sondern mit kleinen Rauhheiten eine Ambivalenz, eine Zerrissenheit beschwören. Lisea tritt schließlich lange als ihr Bruder Tamese auf, ist aber eigentlich die Geliebte Barzanes. Als Tamese empfängt sie jedoch die Treueschwüre Nicandros. Helena Hozová gestaltete ihre Rolle, als wären ihre Arien Brillanten aus einem musikalischen Schatzkästchen (waren sie ja auch).

Václav Luks ließ das Orchester perlen und dräuen – wer wollte da noch von »konzertanter« Aufführung sprechen, wer vermochte nicht, sich die Szenen vorzustellen? Erfrischend war die eingeschobene Jagdszene mit ariosen Rezitativen und Duetten unisono. Und ganz nebenbei erquickten hier und da Affekte oder erkannte man (wieder), wie Vivaldi den Frühling mit Koloraturen und Fioraturen bereichert, bliesen die phantastischen Hörner zur Jagd, genau gegenüber dem Chor, der diesmal auf der Seitenempore platziert war …

Die Solisten bebilderten »Arsilda«, Lisandro Abadie erweckte schon in den Stakkati seiner ersten Cisardo-Arie Wind und Sturm des unsteten Meeres. Die vertrackte Handlung / Situation erlaubt es Tamese, dem König von Kilikien, nicht ohne weiteres, auf seinen Thron und in die Arme Arsildas zurückzukehren, wie ihm Mirinda unverblümt sagt: »Wer die Liebe genießen will, ohne Schmerz zu erfahren, halte sich fern von ihr, daß ihn der Pfeil nicht treffe.« (Da hat sie wohl recht!) Tamese wird sich der Aufgabe und Entscheidung stellen, wie Fernando Guimarães mit prachtvollen Koloraturen ausmalt – wer würde an ihm zweifeln?

Es waren sieben herausragende Solisten, eingebettet in eines der klangvollsten Barockorchester – da wünschte man sich doch, sie führten eine solche Oper einmal »richtig« auf, vielleicht im Palais im Großen Garten?

14. November 2019, Wolfram Quellmalz

Apropos »sieben«: Daria Wilke beschreibt in ihrem Buch »Die Hyazinthenstimme« eine (fiktive) Welt des Barocktheaters und der Barockoper – heute. Im Haus Settecento (Siebenhundert) werden Sänger ausgebildet, die ebenfalls Vivaldis »Arsilda« singen, aber auch Gluck, Händel oder Francesco Cavallis »Eliogabalo«. Eine ausführliche Buchbesprechung finden Sie in unserer kommenden Winterausgabe (Heft 35, Januar).

Hyazinthenstimme
Daria Wilke »Die Hyazinthenstimme«, Roman, Residenz-Verlag, fester, farbig bedruckter Einband mit Prägung, 304 Seiten, 22,- €

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