Natale di Roma

Capella Gabetta in der Dresdner Frauenkirche

Zu italienischer Weihnachtsmusik lud Andres Gabetta mit seiner Capella Gabetta am Donnerstagabend in die Dresdner Frauenkirche. »Christmas in Rome« titelte das Programm auf englisch (Warum, wenn es italienische Musik gab?), doch wer sich etwas auskennt, dem war die »Richtung« wohl bereits klar. Oder aber der Name Nuria Rial unter den Solisten war zugkräftig genug, einmal schauen (hören) zu wollen, was es gebe. Wie könnte man sich einen besseren Tagesabschluß denken als mit einem Besuch in der Frauenkirche zu schöner Musik?

Ein solcher Wunsch wurde denn auch erfüllt, wenn nicht übertroffen, denn außer der Katalanin Rial hatte Andres Gabetta für seinen erneuten Besuch noch zwei weitere Solisten aufgeboten: Ana Victória Pitts (Mezzosopran) sowie den Countertenor Filippo Mineccia. Und dieser durfte das Programm beginnen und gleich den Vorhang zur reichen italienischen Musikgeschichte öffnen. Evaristo Felice Dall’Abaco, ein Zeitgenosse Vivaldis, hatte an verschiedenen Höfen gedient, französische und deutsche Moden kennengelernt und verarbeitet. Sein Concerto a più istrumenti, also ein Konzert für mehrere Instrumente, verbirgt seine italienischen Wurzeln nicht, spielt aber auch mit den anderen Schulen, wie im zweite Satz (Aria cantabile), der an Don Quichottes Liebesseufzer (Telemann) erinnerte. Die Capella Gabetta, immerhin ein richtiges Kammerorchester und nicht nur eine Gruppe Solisten, kann die barocke Musik wachküssen und »befeuern« – der Wechsel zwischen erster und zweiter Violine allein war erfrischend!

Doch mit Antonio Vivaldis Nisi Dominus (RV 608) wurde es vokal – nun standen ganz klar die Sänger im Vordergrund. Das Leben bzw. Feuer war Filippo Mineccia, der den Psalmtext (127, »Wenn nicht der Herr das Haus baut«) kontrastreich gestaltete und den Worten Nachdruck zu geben wußte, stimmlich absolut gegeben. Er konnte Silben, Worte in die Luft schleudern (ihnen Flügel verleihen), mit Verve hervorbringen – »Wie die Pfeile in der Hand des Kriegers, | so sind die Söhne der Jugendzeit« wuchs zur Aussage mit Immanenz – aber auch mit einer kurzen, kunstvollen Koloratur. Eine »Ansage«, wie sich noch zeigen sollte.

Ana Victória Pitts‘ Stimme schien danach tiefer zu liegen als die des Countertenors, auch war sie milder. Dramaturgisch nicht ganz glücklich war die eingeschobene Aria des Holofernes aus Vivaldis Oratorium »Judith triumphans« (RV 644) an dieser Stelle, denn sie schien im Vergleich zu dem davor und danach gehörten weniger »glänzend«, zudem war sie aus ihrem Zusammenhang entfernt. Doch wer auf Stimmen hört, erkannte schon hier ein dunkel schimmerndes Gold, das den Umfang eines Mezzosoprans leicht übersteigen konnte.

Mit noch einem Vivaldi, der Motette »Nulla in mundo pax sincera« (RV 630) konnte nun Nuria Rial zeigen, welche Leuchtkraft ihr schlanker Sopran zu entwickeln vermag. Dabei verließ sich die Sängerin gar nicht so sehr auf das Leuchten und die Kraft – gerade die zarten, von Laute begleiteten Passagen gerieten wundervoll! In der Schlußarie, die von einem Mann, »verrückt nach Liebe« erzählt, konnte man gar eine unterschwellige Belustigung spüren.

Werke und Texte hatten die Weihnachtsgeschichte und Jesu‘ Geburt im Zentrum. Zum umfangreichen Œuvre Antonio Caldaras zählt unter anderem die Weihnachtskantate »Amarilla vezzosa«, die nun alle drei Solisten zusammenbrachte. Amarilli (Pitts), Dafni (Rial) und Dameta (Mineccia) erfuhren durch sie eine individuelle Prägung, wobei Sopran und Countertenor mit Brillanz beeindruckten, während Ana Victória Pitts noch ein wunderbares Purpur in ihrer Palette offenbarte – noch in tiefen Lagen kann sie Töne großartig schimmern lassen. Und beide – Nuria Rial (»Sempre risuoneranno …« / »Ewig wird an diesem Tag …«) wie die Mezzosopranistin (»Gli alberi« / »Die Bäume und die Brise«), bezauberten besonders mit zwei pastoralen Arien.

6. Dezember 2019, Wolfram Quellmalz

Nächstes Konzert in der Frauenkirche: Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium mit dem Kammerchor der Frauenkirche erklingt heute und in den folgende Tagen (unterschiedliche Programme / Kantaten).

Am 19. Dezember geht es italienisch weiter. Concerto Melante laden dann ein zu festlichen Konzerten und Sonaten von Antonio Vivaldi, Domenico Gallo, Giuseppe Tartini sowie mit anonym überlieferten Werken.

Weitere Informationen unter: https://www.frauenkirche-dresden.de/kalender/

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