Zwei halbe Freuden sind eben keine ganze

mdr Musiksommer im Hygienemuseum

Wer derzeit ein Konzert veranstaltet, muß nicht nur Vorschriften berücksichtigen, sondern künstlerische Wünsche und ökonomische Bedingungen beachten – zahlreiche Kompromisse eingehen. Der mdr hat nach der Absage seines Musiksommers in der ursprünglichen Form ein Sonderformat erdacht: kürzere Programme mit wenigen Beteiligten vor weniger Zuhörern an ausgewählten Orten. Die Karten kann man nicht kaufen, sie werden unter den Interessenten verlost. Um dennoch mehr Publikum zu erreichen, finden die Konzerte in der Regel zweimal statt.

Wie am Freitagabend im Hygienemuseum, wo es allerdings recht wenig Musik gab! Natürlich ist es nachvollziehbar, daß man bei zwei Konzerten am Abend diese nicht auf die maximal möglichen 90 Minuten ausdehnt, doch wenn die reine Musik es am Ende nur gerade auf die Hälfte bringt, ist das Ergebnis dürftig, zumal Werke nur in Ausschnitten erklangen. Ob die Musiker selbst dabei überhaupt »in Stimmung« kamen?

Eingeladen waren Sabine Meyer, Nils Mönkemeyer und William Youn, die im Rahmen des mdr Musiksommers für ein Konzert auf der Wartburg geplant waren – dieser wunderbare Konzertraum geht uns in diesem Jahr verloren. Mit drei der Acht Stücke für Klarinette, Viola und Klavier Opus 83 von Max Bruch gab es eine reizvolle Auswahl, der mit einer knappen Viertelstunde auch kein Stigma der Unvollständigkeit anhaftete. Bruch kannte die Viola sehr gut, oder gut genug, um ihren wunderbaren Klang zu würdigen, und Nils Mönkemeyer versteht es blendend, diesen – ohne zu blenden – aufzupolieren. Sein weiches, geschmeidiges Timbre wurde von Sabine Meyers Klarinette (bzw. Klarinetten, denn sie wechselte zwischendurch ihr Intrument) erwidert. William Youn, den Dresdner unter anderem aus der Reihe Meisterwerke – Meisterinterpreten in Strehlen kennen, gehört zu den derzeit besten Kammermusikpartnern – das Trio war austariert, in Temperament und Ausdruckskraft im Gleichgewicht.

»Ah, spiegarti, oh dio« (Könnte ich dir, o Teurer, sagen) ist der Titel einer wunderbaren Konzertarie (KV 178) Wolfgang Amadé Mozarts, die leider kommentarlos in einer Bearbeitung (Andreas N. Tarkmann) für Klarinette erklang. Gerade solche Kleinode wären es doch wert, sie auch hinsichtlich Inhalt und Anlaß ihrer Entstehung kennenzulernen, so war das kaum drei Minuten lange Stück ein gesangvolles, aber flüchtiges Erlebnis – blieb da ein Nachhall?

Mit zwei Sätzen aus der »FAE-Sonate« verstärkte sich der fragmentarische Charakter noch. Albert Dietrich, Robert Schumann und Johannes Brahms widmeten das Werk (»FEA« steht für »Frei, aber einsam«) ihrem Freund Josef Joachim, im ganzen hört man es aber fast nie, der bekannteste Satz ist Brahms‘ Scherzo. Da wäre nun einmal Gelegenheit gewesen, den aus Meißen stammenden Albert Dietrich zu würdigen, doch es gab nur Intermezzo (Schumann) und Scherzo aus der Violinsonate mit Nils Mönkemeyer und William Youn zu hören. Aus dem Radio ist man es ja gewohnt, daß Werke »zerpflückt« werden – sind Konzerte nicht mehr die heil(ig)en Orte, welche die Ganzheit wahren? Noch dazu war die Sonate der an sich wichtigsten Bestandteile, ihrer Ecksätze beraubt! Zudem paßte gerade das Scherzo nicht wirklich zum Charakter der Viola.

Im ganzen gab es schließlich noch Wolfgang Amadé Mozarts »Kegelstatt-Trio«. Sabine Meyer, Nils Mönkemeyer und William Youn behielten erneut den beschwingt-eleganten, feinen Ton. Die weiche Phrasierung, die bei Bruch gut gepaßt hatte, schien hier aber ein wenig matter – die Aufnahme, welche die drei Musiker vor einigen Jahren vorgelegt haben, klingt deutlich mehr keck.

Eine winzige Zugabe war ein Stück aus dem Skizzenbuch, das der achtjährige Mozart während eines Aufenthaltes in London angefertigt hatte. In London war er unter anderem dem Bach-Sohn Johann Christian begegnete – für den jungen Mozart einer der wichtigsten Impulsgeber. Keine Minute ist das allerdings reizvolle Stück lang, so blieben manche Erwartungen an das Konzert nach gerade einer Stunde unerfüllt.

25. Juli 2020, Wolfram Quellmalz

Mozart with Freinds
CD-Tip: Julia Fischer (Violine), Nils Mönkemeyer (Viola), Sabine Meyer (Klarinette), William Youn (Klavier) »Mozart with Friends«, mit dem »Kegelstatt-Trio«, Stücken aus dem »Londoner Skizzenbuch«, Sonaten und Duos, erschienen bei Sony classical

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