Salon und Serenade

Was alles auf die Moritzburger Schloßterrasse paßt!

Auch ohne eine Uraufführung wie eine Woche zuvor gab es am Dienstagabend beim Moritzburg Festival für viele etwas zu entdecken: Ferdinand Ries‘ Klavierquintett Opus 74 h-Moll. Das virtuose Schau- (bzw. Hör-)stück sprudelte und tummelte sich munter und erinnerte nicht nur in der Besetzung an Schuberts »Forelle« (die allerdings später entstanden war).

Die etwas tiefere Besetzung als im »normalen« Klavierquintett färbte den Beginn schwer und warmblütig, doch nach kurzer Einleitung schon perlte der Steingraeber-Flügel unter Lise de la Salles Händen, Nathan Meltzer entlockte seiner Violine romantische Gesänge, Christian-Pierre La Marcas Violoncello übertraf ihn darin noch in einem verführerischen Larghetto. Das klassisch-konzertant aufgebaute Stück stellt den Pianisten oder – wie in diesem Fall – die Pianistin in den Vordergrund. Lise de la Salle und ihre Kollegen fanden bei Ferdinand Ries allemal eine Schmerle, allein deshalb, weil sie so zünftig und freudig musiziert wurde. Oftmals erwidern die Streicher dem Klavier oder einem Solisten unter sich eine Entgegnung im Pizzicato. Wieviel Klang, Farbe und Wärme darin liegen kann, war schlicht verblüffend. Da groovte es ordentlich, obwohl das Stück doch klassisch blieb und nicht verjazzt war. Nathan Meltzer und Christian-Pierre La Marca sind mit Ulrich Eichenauer und Janne Saksala zu einem formidablen Quartett gewachsen, der Finne an der Baßgeige und dem unwiderstehlichen (Im)puls hat in Moritzburg sowieso viele Fans – wer käme da noch auf die Idee, den Kontrabaß nur in der Neben- oder Begleiterrolle zu sehen? Wie man dem Programmheft entnehmen darf, komponiert Saksala auch, da wäre es doch langsam Zeit für ein Portraitkonzert mit ihm …

Nachdem das Kammerzelt der Moritzburger Bühne für einen gediegenen Salon gestanden hatte, stießen Wenzel Fuchs (Klarinette), David Seidel (Fagott), Tillmann Höfs (Horn), Kevin Zhu (Violine), Lars Anders Tomter (Viola), Jan Vogler (Violoncello) und Janne Saksala dessen Fenster und Türen weit auf für eine Serenade. Mit Ludwig van Beethovens Septett Opus 20 in Es-Dur stand ein Klassiker auf dem Programm, aber auch Klassiker können überraschen und neu entdeckt werden.

Sogleich zeigte sich, wieviel höher die Komplexität des Stückes im Vergleich zu Ries‘ Quintett ist. Wie raffiniert hat Beethoven die Stimmen geführt und verwoben! Einerseits – das allein war faszinierend – konnte man die sieben Solisten praktisch jederzeit verfolgen und heraushören, doch hatte Beethoven immer neue Schwerpunkte geschaffen, einzelne Solisten herausgehoben, gegenübergestellt oder die Gruppe in Streicher und Bläser geteilt, dann wuchsen Horn, Fagott und Klarinette schon einmal zu einem Zauberklang zusammen wie in Ravels Boléro. Die Streicher wiederum heizten mit feurigen Tremoli das Scherzo an – ein leidenschaftlicher Fluß, der dennoch keinen Tumult der Stimmen auslöste, sondern die Gefühlslage auskostete. Und zwischendrin Janne Saksalas mal rauher, mal heißer Puls des Kontrabasses.

Wer bei »Salon« und »Serenade« an Unterhaltungsmusik denkt, liegt gar nicht so falsch. Das unterhaltsame kann ungeheuer qualitätvoll und anregend sein!

12. August 2020, Wolfram Quellmalz

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