Überstrapazierter Mozart, Atemübungen und Debussys Farbenrausch

Cathy Krier debütiert im Frauenkirchenkonzert in Dresden

Die Dresdner Frauenkirche gehört momentan zu den belebtesten Musikorten der Stadt. Nach Denys Proshayev am Freitag war am Montag Cathy Krier zu Gast, die Kirche bis auf den letzten möglichen Platz ausverkauft – es wäre schön, das Angebot bald erweitern zu können.

Auf dem Programm der Luxemburgerin standen Wolfgang Amadé Mozarts Klaviersonate F-Dur (KV 332) und sechs der Images Claude Debussys. Dazwischen hatte sie ein modernes Stück, »Otmen« der griechischen Komponistin Evangelia Rigaki gebettet.

Nun haben es Pianisten vielleicht besonders schwer, sich auf den großen Hauptraum der Frauenkirche und auf den langen Nachhall ein- bzw.- umzustellen (das Konzert war ursprünglich in der Unterkirche geplant). Aber vielleicht wollte Cathy Krier zu viel, wollte mehr aus Mozart machen, was dieser jedoch nicht verträgt. Das Allegro des Eingangssatzes zeichnete sie mit leichter Hand, ließ es jedoch mit etwas viel Pedal leicht verschwimmen. Auch die Forte-Akzente schienen mehr als wohlgesetzt. Kriers Betonungen wie in den Baßsynkopen waren zwar allesamt »richtig«, doch ein wenig zu sehr herausgestellt. Im zweiten Satz dann ließ sich die Pianistin Zeit, was das Nachhallproblem löste. Doch klang ihr Spiel sehr »verplaudert«, beiläufig, womit Spannung fehlte, wie später im Ausklang eines der Images (»Et la lune descend sur le temple qui fut«). Das Allegro Assai schloß Cathy Krier mit im Kontrast hohem Tempo an, auch das eine Überbetonung, die man hinterfragen kann, zudem sich nun manche Noten »überschlugen«. In dieser Knappheit schien Mozarts Sonate eher abzubrechen als auszuklingen.

»Otmen« (luxemburgisch für »atmen«) ist ein für die Pianistin geschriebenes Werk. Evangelia Rigaki, die heute in Irland lebt und unterrichtet, hat es mit Bezug auf Claude Debussy und dessen Images geschrieben, dem Werk aber über die musikalische Funktion hinaus noch eine transzendentale Bedeutung zugeschrieben, denn »Otmen« ist tatsächlich als Atemübung für den Interpreten und sein Publikum gedacht – Yoga im Konzert sozusagen. In vier Teilen und einem kleinen Postludium beschwört Rigaki nicht nur Debussy’schen Klang, sie läßt auch atmen – frei, stoßend, hustend, bis zum »Löwenatem«. Ausgerechnet in Coronazeiten so ein Stück aufzuführen, barg natürlich eine Aktualität, die niemand vorausgeahnt hatte. Auf den Übungsteil des Publikums verzichtete Cathy Krier daher, band ihre eigene jedoch ein (sie saß schließlich mit dem Gesicht zur Seite gerichtet). Wirklich erschließen ließ sich das Werk allerdings nicht. Mit Akkordanklängen nimmt es sich zwar »Material« aus dem musikalischen Impressionismus, doch wirkten diese Akkorde eher farblos, alleingelassen – wo lag hier der musikalische Wert? Als meditative Übung mag es einen solchen haben, denn Ruhe und Ausklang kann man dem Werk attestieren, doch blieb es zwischen den beiden anderen Kompositionen arg verloren.

Wohl auch, weil sich sogleich danach zeigte, was Claude Debussy aus Akkorden geschaffen hat, als er deren strukturellen Wert »nach hinten« rückte und stimmungsvolle Gemälde schuf. Gleich das erste, »Reflets dans l’eau« aus dem ersten Buch verzauberte mit seinem irisierenden Charakter – ein übergroßer Kontrast zu »Otmen«. Hier offenbarten sich die Stärken Cathy Kriers, die mit sanftem Anschlag lichte Momente schuf, feine Unterscheidungen im Farbspiel fand und tänzerische Belebung herausstrich – manche Schwebung kam dabei dennoch zum Stillstand.

Debussy hatte sich in einem der Images auf Jean-Philippe Rameau bezogen. In ihrer Zugabe präsentierte Cathy Krier dessen »La poule« als – nun ja – Original. »Original« ist es auf dem Flügel ja eigentlich schon nicht mehr, doch die Pianistin ließ das Huhn cembalonesk scharren und gackern. Rameaus köstliche Spielerei »funktioniert« also ebenso auf dem modernen Instrument.

Cathy Krier hat die Images von Claude Debussy sowie die Masques auf CD aufgenommen (auch als LP erhältlich, erschienen bei CAvi)

Nächste Konzerte in der Frauenkirche:

Freitag (2. Oktober) »Im Spiegel der Zeit«, Frauenkirchenorganist Samuel Kummer spielt Werke von Johann Sebastian und Carl Philipp Emanuel Bach sowie von deren Zeitgenossen Gottfried August Homilius und Johann Christian Kittel (Horn: Stephan Katte).

Sonnabend (3. Oktober), Kantatenkonzert mit dem Kammerchor der Frauenkirche und dem ensemble frauenkirche dresden und Solisten (Leitung: Matthias Grünert)

Kommende Woche (Freitag, 9. Oktober), ist das Heinrich Schütz Musikfest zu Gast. Der Dresdner Kammerchor präsentiert dann Vokalen Glanz in Werken von Heinrich Schütz, Johann Hermann Schein, Gottfried Heinrich Stölzel und Johann Kuhnau (Leitung: Hans-Christoph Rademann).

Beginn jeweils 20:00 Uhr, weitere Informationen unter www.frauenkirche-dresden.de sowie http://www.schuetz-musikfest.de/

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