Heilt Bach alle Wunden?

Emotionales Konzert von Sebastian Knauer in der Dresdner Frauenkirche

Es war das vorläufig letzte Konzert in der Frauenkirche, ein Klavierabend. Für viele im Publikum wie für den Künstler bedeutete dies, die Chance noch einmal nutzen, wahrnehmen, bevor es (für vier Wochen?) eine verordnete Abstinenz gibt. Die Maßnahmen sind verordnet, aber zweifelhaft, streitbar – nur gibt es weder (oder kaum) Streit noch Diskussion. Insofern war es verständlich, daß Sebastian Knauer in seine Moderation vieles von dem einfließen ließ, was ihn derzeit bewegt. Es ist das, was er – mitunter abstrus – erlebt, wie die kurzfristige Absage dreier (!) minutiös und verantwortungsvoll geplanter Konzerte, die wegen über Nacht geänderter Vorgaben binnen Stunden entfallen mußten (?).

Knauers Reaktion ist wohl verständlich, sie beweist aber auch eine Machtlosigkeit, zeugt vom Ausgeliefertsein. An sich hätte man sich gerne dem Klaviergenuß hingegeben – wer bräuchte für zwei Beethovensonaten und drei Impromptus Franz Schuberts schon eine Moderation?

Mit einem »Sturm« ging es los. Die Sonate Nr. 17 Ludwig van Beethovens will den Sturm zwar nicht naturalistisch nachzeichnen, bezieht sich vielmehr auf Shakespeare, doch geht das ohne (inneren oder äußeren) Sturm? Kaum! Sebastian Knauer zeigte, daß ein Sturm aber nicht einfach unbotmäßig tost, sondern sich differenziert, wandelbar und variantenreich gibt, daß er stille Phasen hat (die trügerisch sein können), mitunter aus einem Lüftchen wächst und sich irgendwann wieder legt. Gerade darin, diese Differenzierungsgrade auszuloten, zeigte sich Knauer versiert. Sorgsam formte er Gegensätze aus, zunächst innerhalb des Largo – Allegretto, mit dem Adagio stellte er einen grundsätzlichen Gegenentwurf heraus. Das abschließende Allegretto jedoch zeigte bereits, daß es nicht allein nach Munterkeit strebte, es gebärdete sich unter den Fingern des Pianisten kraftvoll, unbändig, schwoll stark moduliert fast zu einem neuen Sturm.

Daß Sebastian Knauer mit Sicherheit innerlich aufgewühlt war (und sich etwas Zorn in sein Spiel mischte, wie er selber konstatierte), spürte man spätestens bei den Impromptus von Franz Schubert. Robert Schumann sah darin die Sätze ein und (vielleicht) derselben Sonate. Die Stücke deshalb als solche aufzuführen, ist allerdings keine Pflicht. Dafür, daß Knauer für seine Auswahl (Nr. 4, 3 und 2 aus Opus 90 / D 899) die Reihenfolge umkehrte, drängte sich dennoch kein Grund auf. Zwar schien das vierte Impromptu bei jener Gesanglichkeit anzuschließen, wo Beethovens »Sturm« abgeschlossen hatte, das zweite hätte dies aber wohl ähnlich vermocht. Auch war dem Pianisten offenbar im Aufgewühltsein (oder im Zorn) die Andacht abhanden gekommen, denn nicht nur der Furor der Stücke war außerordentlich hoch, sie gerieten (gerade jenes sagenhafte in Ges-Dur) zu schnell, um sich entfalten zu können, und Härte im Anschlag verträgt Schubert nicht allzugut!

Das Kirchenschiff ist ja eigentlich nur ein Ersatzspielort (sonst finden die Klavierabende in der Unterkirche statt). Ein derart flink vorgetragenes Prestissimo wie jenes der »Mondscheinsonate« neigt dann dazu, zu verschwimmen und sich zu überschlagen, das Drama des Mittelsatzes schien wiederum überhöht. Wie schade, hatte Knauer doch das einleitende Adagio angemessen vorgetragen, schien die innere Gelassenheit wiedergefunden zu haben. Ausgezeichnet war, daß er die Übergänge exakt wählte, fein phrasierte. Nicht nur, daß sich Beethovens Sätze geradezu logisch nach- und auseinander entwickeln, zeigte dies auch die innere Verbundenheit, die Binnenspannung des Stückes. Wer solches beachtet, würde niemals der Idee verfallen, die Sonate zu zerreißen und nur den ersten Satz hören oder spielen zu wollen!

Es war eben doch ein (vorläufiges) Abschiedskonzert, emotional aufgewühlt, selbst wenn sich mancher gewünscht hätte, den darin verborgenen Schmerz weniger zu spüren zu bekommen. Mit dem Adagio BWV 974 fand Sebastian Knauer aber das passende Schlußwort. Bach als Heiler – ob das genügt?

31. Oktober 2020, Wolfram Quellmalz

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