Rückkehr des Capell-Compositeurs

Uraufführung der Sächsischen Staatskapelle im Radio

Musikalische Kernregionen oder Zentren wie Dresden können noch in Zeiten der Einschränkungen von ihrer Substanz zehren – wenn diese unbeschädigt ist. Ihr Publikum erreichen Musiker derzeit zwar fast nur via Internet oder Radio, mitunter entstehen dabei trotzdem beachtenswerte und hochwertige Produktionen. Am vergangenen Freitag nahm die Sächsische Staatskapelle Dresden nicht nur eine Radiosendung auf, sie verknüpfte gleich mehrere ihrer eigenen »Landmarken«. Einerseits fand man so einen Ausgleich für den in der kommenden Woche entfallenden 1. Aufführungsabend, andererseits holte man die Uraufführung eines bereits im Mai ausgefallenen Konzertes nach. Die Brücke dazu reichte sogar noch weiter in die Vergangenheit, denn bereits vor einigen Jahren hatte sich die damals neu gegründete kapelle 21 mit Musikern der Sächsischen Staatskapelle, von der Gesellschaft der Freunde der Staatskapelle Dresden e. V. unterstützt, für ein Auftragswerk eingesetzt. Nun erklangen die Fünf Stücke für kleines Orchester des Capell-Compositeurs von 2019 / 2020, Aribert Reimann, erstmals im Konzert. Aufgenommen wurde sie im Probenraum des Orchesters.

Gaetano d’Espinosa war selbst einige Jahre Mitglied der Staatskapelle, widmete sich aber auf Anraten Fabio Luisis stärker dem Dirigieren. Am 26. November hätte er den Aufführungsabend (geplant war unter anderem eine Uraufführung des Konzertes für Violine, Alt und Orchester von Jörg Herchet) leiten sollen. Im Sonderkonzert übernahm er statt dessen die Leitung von Reimanns Stücken. Sie verraten eine große Experimentierlust, eine Freude am Spiel mit musikalischen Strukturen. Mit dissonanten Streichern beginnen und enden die fünf Stücke, doch führt Reimann sie bald in andere, wandelfreudige Gefilde. Das Spiel bezieht sich auf Tempi und Strukturen, aber ganz explizit auf Klänge, wofür Reimann das Orchester in Gruppen faßt, diese einander gegenüberstellt, Reflexe, Antworten schafft. Das »Material« scheint zunächst übersichtlich – keine großen Melodieverläufe, viele Liegetöne, statische Abschnitte, doch der Wandel hebt jeden Stillstand auf. Schon am Radio konnte man lauschen, wohin Motive wanderten – noch schöner wäre es freilich, dies wieder mit Blick auf die Bühne im Orchester verfolgen zu können.

Im Charakter fallen die Fünf Stücke sehr unterschiedlich aus. Nicht unbedingt hinsichtlich darin enthaltener oder versteckter Emotionen, sondern weil die Instrumentierung jeweils unterschiedlich ist, praktisch, als wären es fünf unterschiedliche Kammerorchester. Im zweiten der Stücke zum Beispiel dominieren Blech- und Holzbläser, während die Streicher erst spät hinzutreten und einen Hintergrund schaffen. Nach dem dritten mit getragenem Tempo der Streicher (eine musikalische Eiszeit) und großem Kontrast zur perkussiven Harfe ist das vierte von solistischen Bläserpassagen und dem Gegenüber der Solisten mit dem Blechbläserchor geprägt. Es ist deutlich schneller, aber auch dramatischer, birgt aber dennoch lyrische Anklänge. Mit einer Steigerung des Dramatischen wartet das fünfte Stück auf – Pauken und dunkle Streicher treiben voran, während Holzbläser auflockern, für Lichtblicke sorgen. Am Ende scheint das Orchester in die Ausgangsposition der Dissonanzen zurückzukehren.

Zwar können wir das Stück noch einmal im Radio hören (oder in den Mediatheken aufsuchen), eine Aufnahme in die Liste der Nachholwerke ist nur zu wünschen.

Eine gute Viertelstunde ist natürlich noch kein abendfüllendes Konzert. So standen neben Reimann noch Mendelssohn und Haydn auf dem Programm. Konzertmeister Matthias Wollong übernahm dafür die Leitung und die Solovioline in Felix Mendelssohns erstem Violinkonzert (d-Moll). Es steht dem etwas prächtigeren zweiten kaum nach, vor allem nicht, wenn es gesanglich so fein herausgearbeitet wird wie von Matthias Wollong und dem Streichorchester – zwar ist das brillante Finale ein Höhepunkt, doch nur von Wert, wenn zuvor die Kantilenen des Andante fein herausgearbeitet wurden.

»Tempora mutantur« wird Joseph Haydns Sinfonie Nr. 64 manchmal genannt. »Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen« ist derzeit mehr als ein Sinnspruch. Musikalisch ließ sich darüber durchaus erfreulich sinnen – rhythmisch belebt, aber auch mit Maß.

18. November 2020, Wolfram Quellmalz

Noch einmal morgen: Sonderkonzert der Sächsischen Staatskapelle Dresden, mit Aribert Reimanns Fünf Stücken für kleines Orchester (UA) sowie Felix Mendelssohns Konzert für Violine und Streichorchester d-Moll und Joseph Haydns Sinfonie Nr. 64 A-Dur Hob. I:64, 20:03 Uhr, Deutschlandfunk Kultur sowie in der Mediathek von mdr und DLF

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