Abschied ohne Schlußwort

LETZTE AUFNAHME VON JOSEF BULVA

Im Sommer hatten wir gerade das neue Album von Josef Bulva in unsere Rezensionsliste genommen, da erreichte uns, nur zwei Tage, nachdem die CD mit der Post eingetroffen war, überraschend die Nachricht vom Tode des Pianisten und verlieh dem Album eine zusätzliche Tragweite.

Beethoven, Chopin und Liszt gehörten zu den Komponisten, denen sich Josef Bulva immer wieder zuwandte. Nun stellte er zwei Sonaten Ludwig van Beethovens, solche Alexander Skrjabins und Bohuslav Martinůs gegenüber. Noch einmal hatte er sich seinen Flügel ins Herrenhaus Bannacker, den Aufnahmeort, bringen lassen. Es ist jener legendäre Steinway, Modell D, mit der Produktionsnummer 582 310, der auch im Mittelpunkt einen DVD-Produktion steht. Der Klang allein ist nicht ausschlaggebend dafür, wenn ein Pianist ein Instrument bevorzugt. Fragen von Widerstand und Druckpunkt, das Zurückfedern der Tasten, der Pedale, sind ebenso entscheidend.

Warm, herrlich dunkel schimmern die ersten Akkorde von Beethovens Sonate Opus 78. Hier blinken keine glöckchenhellen Melodieverläufe, Josef Bulva rundet die Spitzen immer fein ab, bettet sie ein, die Stetigkeit des Flusses ist entscheidend, nicht der herausgehobene Akzent. Dieser Fluß kann rauh, plötzlich beschleunigt oder mit einem Mal gebremst werden, wie von selbst verlangsamen, als ergieße sich das Wasser eines munter sprudelnden Baches plötzlich in weites, flaches Land.

Beethovens Sonaten Nr. 24 und 27 – beide zweisätzig – leben von einer inneren Bestimmtheit. Weniger der Kontrast treibt sie an, mehr der innere Puls. Die Aufnahme zeigt Werke und Interpret gleichermaßen reif, gereift, gelassen, unbeirrbar – ein golden glitzernder Beitrag zum Beethovenjahr!

Alexander Skrjabins Sonate Nr. 3 beginnt zwar mit dem kontrastreichen Auf- und Ab, einer belebenden Wippfigur, doch scheint auch diese – altersweise – gedämpft, gebändigt, ohne daß der Pianist ihr Kraft oder Entschlußfreudigkeit genommen hätte. Ein sanftes Perlen malt jede Note aus, schafft Bindungen dazwischen, bleibt rhythmisch präzise, mit ausgeprägten Nuancen und erhält die Richtungsänderungen, den wandelbaren Charakter. Der erste Satz, »Drammatico«, führt nicht allein auf einen Gipfel, Josef Bulva läßt dem (Zu)hörer Zeit, hier zu verweilen.

Nach einem nocturnehaften Andante geht es Presto con fuoco ins Finale. Doch bis sich das »Feuer« richtig entzündet, ist noch Zeit, die der Pianist fast rhapsodisch auskostet. Sein Finale liegt weniger im Feuer einer übermütigen Jugendlichkeit, als in jenem der erfahrenen Leidenschaft.

Derart vorbereitet entfaltet sich Bohuslav Martinůs Klaviersonate H 350, in der sich die moderne Tonsprache und Artikulation mit der Eleganz des Virtuosen verbinden. Das Poco allegro überrascht mit seinem Tempowechsel, statt nur den Perpetuum-Mobile-Charakter zu fokussieren.

»Das Hören lehrt den Hörer …« schreibt Josef Bulva im Beiheft, und philosophiert sogleich über das verführerische – es bedeute, etwas anderes zu erhalten, als man erwartet habe. Wie schade, daß ihm ein richtiges Schlußwort versagt geblieben ist!

September 2020, Wolfram Quellmalz

(Dieser Text ist in einer leicht gekürzten Variante bereits in den CD-Vorstellungen von Heft 38 abgedruckt worden.)

CD »Josef Bulva: Beethoven – Scriabin – Martinů«, DVD »Joseph Bulva: The Sound of 582 310«, mit der »Mondscheinsonate« und »Appasionata«, weitere Werke von Frédéric Chopin und Franz Liszt, beide erschienen beim Label RCA red seal / Sony Music

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