Brahms, Schiff, Widmann

Jörg Widmann und András Schiff verquicken neue und alte Klassik

Johannes Brahms‘ Sonaten für Klarinette und Klavier Opus 120 zählen zu den Meilensteinen in der Kammermusik. Gleichzeitig sind sie biographisch gewichtig im Leben des Komponisten verankert, hat doch die Bekanntschaft mit dem Klarinettisten Richard Mühlfeld der Meininger Hofkapelle dazu beigetragen, daß Brahms das Schatzkästchen seiner Kompositionen noch einmal öffnete, ihm ein paar wenige, um so wertvollere Pretiosen beifügte. Daß die beiden Werke (vom Komponisten herausgegeben) auch mit der Viola phantastisch sind und durch ihren Klang veredelt werden, wissen Kammermusikfreunde zu schätzen.

Jörg Widmann und Sir András Schiff, die eine langjährige Zusammenarbeit verbindet, haben sich in ihrer neuen Aufnahme den beiden Sonaten zugewandt. Dazwischen spielt der Pianist die ihm dedizierten Intermezzi von Jörg Widmann – sie beziehen sich auf Brahms, erinnern an dessen Intermezzi Opus 117 aus den letzten Klavierwerken. Es ist nicht das erstemal, daß sich der Komponist auf einen Vorgänger bezieht. Schubert, Mozart – Widmann versteht es, intime wie intellektuelle musikalische Partikel zu filtern, neu zusammenzusetzen, aus ihnen etwas wachsen zu lassen, was einem kunstvollen Kristall gleicht. Insofern wird es interessant sein, die Rezeption seiner Intermezzi zu verfolgen. Sie jenen Brahms‘ direkt gegenüberzustellen, liegt nahe und wird sicher bald passieren. Zunächst stehen sie jedoch verbindend zwischen den beiden Klarinettensonaten.

Anders als Johannes Brahms‘ Intermezzi sind Jörg Widmanns um das mittlere herum aufgebaut, daß nicht nur in seiner Länge einen klaren Schwerpunkt darstellt. Fast könnte man in diesem spiegelbildlichen Zustreben und Abschwellen auf und von diesem Mittelpunkt eine palindromische Figur finden. Nach der verhangenen, beinahe fragmentarischen Einleitung folgt ein weiteres kurzes, impressionistisches Stück, bevor sich Widmann im Mittelteil nun deutlicher seiner »Jugendliebe« (Brahms zuwendet) – so wie der Musiker Widmann auf der Klarinette singt, läßt er den Pianisten in seinen Intermezzi versteckte, rhetorische Gesänge finden: mal wehmütig, melancholisch, doch immer liebevoll hingewandt. András Schiff füllt die Intermezzi mit seiner ganzen Künstlerliebe, seiner Brahms-Kenntnis und -Erfahrung aus. Neue Musik als sinnliche Erfahrung – einfach großartig!

Versteht sich von selbst, daß beide Künstler die innige Verbundenheit in den Sonaten nicht erst suchen müssen. Sie haben sie wohl seit Jahren schon gefunden – wie oft werden sie die Stücke gemeinsam aufgeführt haben? Von Routine ist dennoch nichts zu spüren – Brahms‘ Opus 120 Nr. 1 und 2 klingt leidenschaftlich, frei, lieblich. »Mit inniger Verbundenheit«, wie eine Satzbezeichnung Schumanns, könnte man sie umschreiben. Widmann und Schiff finden in Gestus und Atem, in Phrasierung und Maß zusammen, wecken Frühlingsgefühle, Impulse, die mehr enthalten als nur die Wehmut der Erinnerung!

Nur eines kann die Aufnahme nicht: endgültig beweisen, welche Fassung der Sonaten die schönere ist: mit Klarinette oder mit Viola. Für den Moment, möchte der Rezensent festhalten, wohl mit Klarinette. Und mit Jörg Widmann und András Schiff.

22. Dezember 2020, Wolfram Quellmalz

Sir András Schiff (Klavier), Jörg Widmann (Klarinette) »Johannes Brahms. Clarinet Sonatas«, Johannes Brahms: Klarinettensonaten Opus 120 N1. 1 und Nr. 2, Jörg Widmann: Intermezzi für Klavier, erschienen bei ECM NEW SERIES

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