»Paris, mon amour«

Daniel Roth brachte französische Orgelmusik nach Dresden

Wenn ein Organist aus Paris zum Konzert anreist, darf man erwarten, daß er auch französische Musik »mitbringt«. »Französisch« bezieht sich dabei meist auf Paris, aber nicht nur. Daniel Roth zumindest, im Elsaß geboren, kam früh in die Seinemetropole. Nach Studium, Wettbewerbsgewinnen und Preisen wurde er 1963 Stellvertretender Organist an Basilique du Sacré-Cœur de Paris, 73 Titularorganist. Seit 1985 hat er das gleiche Amt an Saint-Sulpice de Paris inne. Bald 36 Jahre also – fünf Pfarrer hat er in dieser Zeit schon erlebt, erzählte Daniel Roth im Vorabgespräch »Unter der Stehlampe« mit Holger Gehring.

Die Amtszeit scheint nicht nur lang, sie geht zudem bereits um einiges über das Pensionsalter hinaus. In Frankreich hat das aber Tradition. Die Kette berühmter Titularorganisten an den Pariser Hauptkirchen ist lang, erstaunlich ist, wie viele oft direkt aufeinanderfolgten, immer für viele Jahre und bis ins hohe Alter. Charles-Marie Widor und Marcel Dupré, Vorgänger von Daniel Roth an Saint Sulpice, brachten es in direkter Folge auf 101 (!) Amtsjahre.

Daniel Roth interessiert sich vor allem für historische Orgeln, solche, die nicht mehr verändert wurden. Wenn er davon spricht, einen »originalen Klang« auf einer Orgel zu suchen, so verbindet er damit keine theoretische Idee und Suche im Ungewissen, sondern verbindet damit die konkrete Erfahrung der Orgeln in Paris – an diesen Instrumenten haben Organisten und Komponisten gespielt und ihre Werke geschaffen. Prägend wirkte hier Astride Cavaillé-Coll, der aus Toulouse nach Paris kam und mit dreißig Jahren seine erste Orgel in Saint-Denis präsentierte. Auch die Orgel an Saint-Sulpice, vom Meister François-Henri Clicquot erschaffen, baute er aus und gab ihr ihre heutige Gestalt. Wenn Daniel Roth also an eine andere Orgel in einer anderen Kirche kommt, versucht er, diesen Klang wiederzufinden.

Am Instrument der Dresdner Kreuzkirche ist ihm das nach eigenem Bekunden gut gelungen, wie er im Gespräch lobend über die Jehmlich-Orgel bestätigte. Das möchte man gerne glauben – noch lieber führe man gleich nach Paris, um sich noch einmal davon zu überzeugen. Die Stücke gaben reichlich Anlaß und Gelegenheit, französisches zu hören und neues dabei zu entdecken. Oder einfach festzustellen, wie vielseitig Camille Saint Saëns, dessen einhundertster Todestag in diesem Jahr begangen wird, komponierte. Dabei standen weder eine Oper noch eine Sinfonie auf dem Programm, keine Kammermusik und kein Klavier- oder Cellokonzert. Aber schon Préludes et Fugues en do majeur (C-Dur) Opus 109 Nr. 3 sowie die Fantasie Nr. 2 Des-Dur aus Opus 101 zeigten erstaunliche Facetten des Komponisten. Das ins Kirchenschiff strömende Prélude sorgte mit Fanfarenklängen zunächst für musikalische Hochstimmung, die Fuge konnte schon mit der Schönheit ihres Themas einnehmen. Auf diese, wenn auch nicht »kantige«, so aber auf Struktur basierenden Fuge folgte die Fantasie, welche um so freier schien, einen Abendhimmel mit Sternenglanz zu versprechen schien. Das Blinken war freilich sanft und mild.

Mit dem Scherzo (Nr. 5 aus Sechs Duos für Piano und Harmonium Opus 8) von Camille Saint-Saëns trat zum ersten Mal der Komponist Daniel Roth in Erscheinung, hier freilich noch als Bearbeiter, der das Stück für die Orgel eingerichtet hatte. Die Charaktere der beiden ursprünglichen Instrumente hatte er dabei erhalten, so daß die Gegenüberstellung bzw. das Gegenüberstehen des Duos erhalten blieb.

Schon bis hier durfte man ungewohnte Klänge vernehmen, nun aber gab es für viele zwei wirkliche Neuentdeckungen: Alexandre-Pierre-François Boëlys Quartett g-Moll sowie sein Allegro in f-Moll, zwei reizvolle Stücke, verspielt und über dem Baß schwebend das eine, mit geradezu grellen Effekten und wenigstens kleinem Feuerwerk das andere.

Kaum weniger überraschend war César Francks Interlude symphonique aus der Sinfonischen Dichtung Rédemption, ebenfalls in einer Bearbeitung von Daniel Roth, der die orchestrale Gestalt ansprechend auf die Orgel übertragen hatte. Vor allem zeigte sich, daß das Interlude, von dem es übrigens auch eine Orgelbearbeitung Marcel Duprés gibt, nicht allein ein Zwischenspiel ist, sondern einer Verwandlungsmusik entspricht. Mit dem Salve Regina von Charles-Marie Widor kreuzte noch einmal ein Amtsvorgänger Daniel Roths das Programm. Damit öffnete der Gast das Programm für liturgische (oder quasi liturgische) Musik, der bestimmte Inhalte und Texte zugrunde lagen. Bei Widor sorgten Schwebungen und das Schwellwerk für eindrucksvolle Stimmungseffekte, mit drei Sätzen aus seinem Livre d’Orgue pour le Magnificat stellte Daniel Roth schließlich noch eigene Kompositionen vor, die einerseits einen Text interpretieren, andererseits in der Registrierung an die Klangästhetik der Orgeln von Astride Cavaillé-Coll folgen. Auffällig waren aber nicht allein ästhetische Aspekte, etwa der Farbigkeit und Dynamik, sondern auch die Stimmführung von Passagen, die ursprünglich (gesungener Text) von Solisten oder einem Chor vorgetragen werden. Die lodernden Akkorde von Deposuit (»Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen«) sorgten noch einmal für grelle, intensive Eindrücke.

Mit einer eigenen Komposition über das Volkslied »Das Elsaß, unser Landl« verwies Daniel Roth noch einmal auf die eigene Herkunft.

8. Juli 2021, Wolfram Quellmalz

Im nächsten Konzert des Dresdner Orgelzyklus‘ spielt Edoardo Bellotti (Mailand) Werke von Jan Pieterszoon Sweelinck, Johann Sebastian Bach, Johann Ludwig Krebs, Tomaso Albinoni, Ludwig van Beethoven und Camille Saint-Saëns an der Kern-Orgel der Dresdner Frauenkirche (14. Juli, 20:00 Uhr), danach heißt es am 21. Juli 19:19 Uhr wieder »Unter der Stehlampe«, wenn Domorganist Willibald Guggenmos (St. Gallen / Schweiz) vor dem Konzert in der Kreuzkirche wieder zum Gespräch bereitsteht.

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