Schüler und Lehrer

Quattrovaganti spüren in der Moritzburger Schloßkapelle Beethoven und Ries nach

Frank Richter hatte sein Geistliches Wort der Vesper mit einem Vorzug der deutschen Sprache begonnen, daß man Substantive so schön »verheiraten« könne und dabei ein neuer sinnhafter Zusammenhang entstehe, wie in »Geistesgegenwart«. Den Zustand der Geistesgegenwart, des Wachseins und Reflektierens führte er weiter bzw. zurück bis in die Beethovenzeit, die von drei Idealen bestimmt gewesen sei, die bis heute nicht eingelöst wären – Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit. Für den Komponisten sind sie bestimmend gewesen.

Substantive verheiraten kann man aber auch so: »Quattrovaganti« ist der Name des Ensembles (Ovidiu Simbotin und Adéla Drechsel / Violine, Sebastian Mickelthwate / Viola und Rolf Müller / Violoncello), das den musikalischen Teil der Vesper gestaltete. Der Name ist ein Wortspiel aus »Quattro« (für vier oder Quartett) und »Vaganti« (also Landstreicher). Das Quartett ist schon oft durch die Länder gestreift und hat zum Beispiel Musik von Michael Čakrt wiederentdeckt. Diesmal setzte es zwei Komponisten in Beziehung, die einander Freund, Lehrer und Schüler waren: Ludwig van Beethoven und Ferdinand Ries.

Dabei gaben sie dem aufmerksamen Zuhörer kleine (?) Nüsse zu knacken, welche Sätze es waren, die nun gespielt wurden, denn wie immer fand die Vesper dreimal statt, um kein Publikum abweisen zu müssen, dreimal eine halbe Stunde – zwei ganze Quartette hätten diesen zeitlichen Rahmen gesprengt. Allegro molto quasi Presto aus Beethovens Opus 18 Nr. 2 ist der vierte Satz, der das Quartett beschließt, aber eine Tür öffnet zu einem musikalischen Kosmos, den man als Spiegel einer Gedankenwelt, einer Geisteshaltung sehen kann. Und als Verknüpfung vierer Stimmen, die sich gegenseitig anstoßen, im Violoncello einen klingenden Nachhall geben. In verhältnismäßiger Kürze hat Beethoven hier eine Komplexität geschaffen, die verblüfft, vor allem, wenn sie so luftig und impulsiv vorgetragen wird – Musik stünde, hatte Veranstalterin Ulrike Titze in ihrer Begrüßung gesagt, wenn man eine Liste des Trostes anfertigen wolle, ganz oben.

Auch Ferdinand Ries wußte solchen Trost zu spenden. Sein Quartett Opus 70 Nr. 2 (um das Scherzo gekürzt), gut zehn Jahre nach Beethoven entstanden, folgt einem anderen Gestus, einem walzerseligen Reigen, der sich immer wieder Bahn bricht. Den frohgemuten Umschwung bremst die Viola, welche das Quartett ins tänzerische Thema zurückführt, im Andante wurde es noch weiter aufgelockert, standen sich Violine 1 und Viola musikalisch wie in der Sitzordnung gegenüber und wechselten in der Führung, derweil die Pizzicati der anderen Streicher die Atmosphäre belebten. Um welchen Reigen es gegangen sein mag, fragte man sich angesichts des sehnsuchtsvollen Glissado-Schluchzers …

Doch auch Ries steuerte auf ein Ziel zu, sein Allegro molto drängte voran, die Quattrovaganti, echten »Herumtreibern« gleich, gaben dieser Energie eine Richtung. Eine schöne Bereicherung und Entdeckung lag in diesem Gegenüber!

5. Juli 2021, Wolfram Quellmalz

In der nächsten Musikalischen Vesper in der Schloßkapelle Moritzburg entführt Alexandra Kraus am 15. August (ab 17:00 Uhr) in die Welt der Shakuhachi (traditionelle japanische Bambusflöte).

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