Tobende Meere und tobende Trolle

»Peer Gynt« in Wort und Ton mit der Dresdner Philharmonie

Kurz vor Ferienbeginn legt die Dresdner Philharmonie noch einmal so richtig los. Neben Kammermusik und einem großen Sinfonischen Abschied wird sie in dieser Woche noch zweimal die Musik für Stummfilme spielen. Am Wochenende beschwor sie im Kulturpalast (Freitag) und bei den Filmnächten am Elbufer (Sonnabend) die Sagenwelt von Peer Gynt. Ebenso beteiligt, wenn auch nicht auf der Bühne, war der letztjährige Stadtschreiber Franzobel, welcher einen neuen Text nach Henrik Ibsens Dramatischem Gedicht verfaßt hatte.

Von Peer Gynt wurde schon oft erzählt, Henrik Ibsen griff den Stoff eines Feenmärchens auf. So wie Ibsen die Figur vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen in die Fremde reisen ließ, hat Franzobel ihn sprachlich ein wenig aufgemöbelt, ironischer gemacht, deftiger, witziger, heftiger …

Wenn Peer Gynt über das »Biomaterial« der Sennerinnen sinniert, die wie die »Asseln unter der Baumrinde« seien, ist das arg derb und verrät (nicht zum einzigen Mal), daß Gynt kein Feingeist ist. Eher ein Haudrauf und Maulheld (und Lügner), der aber immer das Risiko sucht, gewinnt und verliert. Bis nach Lampedusa und Marokko reist er, kehrt irgendwann heim. Den Frauen und Liebschaften brachte er keine Achtung entgegen, nur die Mutter Åse galt etwas sowie »die Blonde« – Solvejg, die ihn schließlich rettet.

Für jene Lichtgestalt hatte die Dresdner Philharmonie Julia Kleiter besetzt, deren Sopran zunächst gläsern und durchsichtig wie Wasser, wie das Eis in norwegischen Fjorden war, doch kein bißchen spröde. Der verblüffenden Klarheit fügte sie noch ein bebendes Vibrato hinzu, blieb dabei aber dem Liedcharakter treu, um endlich, als Gynt heimkehrt und ihr fast entrissen wird, in sanftes Timbre zu münden.

Dominique Horwitz übernahm den gewichtigeren Teil des Erzählers, der plastisch auszumalen weiß, glaubhaft verdeutlicht, was »Lebenswut« ist, der jeden und alles spricht – Könige, Königinnen, Peer Gynt … Dominique Horwitz kann offenbar sogar »Trollsch« (Tanz der Bergkönigstochter)! Nein, ein eleganter Plauderer am Kamin war dies nicht, vielmehr ein aufregender (aufgeregter) Geschichtenerzähler, der Bilder in glühenden Farben malte, dabei ganz uneitel am Rande blieb. Bei Horwitz steht das Stück im Mittelpunkt, nicht die Selbstinszenierung.

John Storgårds hatte die Musik von Edvard Grieg aus der Schauspielmusik zu »Peer Gynt« sowie den beiden Suiten zusammengestellt. Unter seiner Leitung formte die Dresdner Philharmonie zunächst die Weite der Landschaften heraus, ließ den Brautzug schon bald Kraft und Schwung gewinnen, im »Brautraub« lag gar unterschwellig eine Beethovenattitude.

So lebensecht (oder -nah) wirkt eine konzertante Aufführung der Suiten bei weitem nicht – für »In der Halle des Bergkönigs« gab es Szenenapplaus. Åse Tod gelang als emotionaler Trauermarsch, dagegen geriet »Peer Gynts stürmische Heimkehr« (immerhin opfert er einen Schiffskameraden, um das eigene Leben zu retten) als gischtiger, brausender Höhepunkt. John Storgårds reduzierte sein Wirken übrigens nicht aufs Dirigieren, sondern griff für »Halling und Springtanz« selbst zur Fiedel – folkloristisch, rauh und glaubwürdig.

11. Juli 2021, Wolfram Quellmalz

Den sinfonischen Abschluß bereitet die Dresdner Philharmonie mit Sebastian Weigle (Leitung) und René Pape (Baß) am kommenden Sonnabend. Dann stehen Maurice Ravels »Don Quichotte à Dulcinée«, Igor Strawinskys Symphonies d‘instruments à vent, Gustav Mahlers Lieder »Um Mitternacht« und »Ich bin der Welt abhanden gekommen« sowie Franz Schuberts Sinfonisches Fragment D 936a (Rekonstruktion Brian Newbould) auf dem Programm. Weitere Informationen unter: http://www.dresdnerphilharmonie.de

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