Beethovens Phänomene

Christian Thielemann und die Sächsische Staatskapelle Dresden setzen mit dem Abschluß ihres Beethovens-Zyklus‘ ein Achtungszeichen

Ob es unter »normalen Umständen« eine solche Programmfolge mit Ludwig van Beethovens achter und neunter Sinfonie wie am vergangenen Wochenende in der Semperoper wohl gegeben hätte? Vielleicht. Vielleicht hätte Christian Thielemann die ungewohnte Kombination auch so mehr gemocht, als daß er der neun ein zeitgenössisches Horsd’oeuvre oder eine historische Ouvertüre vorangesetzt hätte. Vielleicht war diese Kombination aber einfach nur ein pragmatischer Ansatz, um noch unter den Bedingungen des Spätsommers den Beethoven-Zyklus angemessen abzuschließen, wer weiß. Eine wichtige Erkenntnis dieses 1. Sinfoniekonzertes der Sächsischen Staatskapelle ist auf jeden Fall, daß man Beethovens achte Sinfonie nicht kleiner machen kann, auch nicht, wenn sie vor der in Ausmaß und Bedeutung übermächtigen neunten gespielt wird. (Für die zweite oder vierte Sinfonie gilt das gleiche.)

Diese achte erwischte das Publikum mit einer überraschenden sinfonischen Wucht – man hat sie auch schon schlanker gehört! Christian Thielemann feilte sogleich mit Rubati an der Struktur, feilte nicht nur, reizt sie aus wie ein Magnetiseur und ließ das Blech den Streicherklang durchlüften. Die flotten Tempi behielt er bei, wiewohl dabei kein Detail verlorenging. Neben diesem unwiderstehlichen Energiestrom beeindruckte und vereinnahmte die Kompromißlosigkeit, mit der Thielemann sein Ziel verfolgte. Eben nicht »schlank«, eher derb spiegelte er Beethovens Ironie – packend! Diese achte ist eben kein »lustiges Ding«, sondern ein kleines Ungetüm, das auf einen langsamen Satz verzichtet, dafür (im Grunde) zwei Scherzi mit zwei Vivace rahmt und würzt. Zwischen deutlichen Bläserakzenten (Dialog Hörner / Klarinette) setzten die gezupften Violen Achtungszeichen. Energie, Schwung oder Tempo hinderten die Staatskapelle nicht an einer präzis differenzierenden Interpretation.

Eine weitere wichtige Erkenntnis dieses Freitagabends lautete, daß man auch die neunte auf nichts reduzieren darf. Auf keinen letzten Satz, keinen Schlußchor und kein noch so edles Motto. (Wer nur die »Europahymne« kennt, weiß nichts von Beethoven!) »Alle Menschen werden Brüder« (dessen Gestus sich übrigens schon in der acht erspüren ließ) kündigte der Komponist mehrfach an, bevor er Schillers Worte endlich erklingen ließ. Ganz anders als bei der achten, mit der Christian Thielemann losbrauste, kaum, daß er auf dem Dirigentenpult stand, setzte er jetzt vor Beginn eine fokussierende Pause der Ruhe und Konzentration.

Und so konnte man sich schon im Anfangsakkord verlieren – aus solchen Tiefen schöpfte später Anton Bruckner seine Monumente! Beethovens Richtung war jedoch eine andere – die hervorragenden Blechbläser und die Pauke ließen Funken sprühen und Flammen schießen. Christian Thielemann führte Beethovens Verkündung lustvoll auf, ganz dem Leben, dem Menschen zugewandt, daß jeden diese Botschaft (und nicht nur eine Parole) erreiche. Hervorgehobene Detail waren ihm wichtige, wahrnehmbare Ingredienzien (wie der nachnapoleonische Kanonendonner der Pauke), über dem blieb jedoch die Binnenspannung wichtiger als aufgesetzte Effekte.

Für das Finale stand ein fabelhaftes Quartett (Hanna-Elisabeth Müller / Sopran, Elisabeth Kulman / Alt, Piotr Beczała / Tenor und Georg Zeppenfeld / Baß), sowie ein mustergültig präparierter Staatsopernchor (Choreinstudierung: André Kellinghaus) zur Verfügung. Als Georg Zeppenfeld mit »O Freude« einsetzte und man diese (im Grunde Dresdner) Stimme sofort erkannte, war das ein Glücksmoment. Den Chor endlich wieder einmal in solcher Stärke zu erleben, war es nicht minder – um so mehr, da er offenbar keine »Pausenschäden« erlitten hat. Kompromißlosigkeit (keine Reduzierung auf einen Kammerchor) zahlt sich eben manchmal aus. Eine nuancierte Steigerung führte von der den Chor stützenden Cellogruppe (vom neuen Konzertmeister Violoncello Sebastian Fritsch angeführt) zum ganzen Orchester mit Chor und Quartett. Sollte diese neunte ein Schlußpunkt sein? Was kommt nach Beethoven?

4. September 2021, Wolfram Quellmalz

Die Konzerte wurden mitgeschnitten und werden am 22. Oktober auf mdr Kultur und mdr Klassik gesendet.

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