Marienvesper mit Himmelseffekten

Claudio Monteverdis geniales Werk mit Ensembles der Frauenkirche

Claudio Monteverdis Marienvesper einen Geniestreich zu nennen, ist allein deshalb schon berechtigt, weil er verschiedene Texte und Musik zu einem beeindruckenden ganzen gefügt hat. Inbegriffen eine Gregorianik, die wiederum Jahrhunderte vor Monteverdi entstand.

Ein solch (fast) kolossales Werk braucht einen großen Chor (den man wegen der Mehrchörigkeit aufteilen muß) sowie ein Orchester mit Solisten, Streichern und Basso continuo. Nicht zuletzt erfordern die vielen Teilen vorangestellten Antiphone spezielle Kenntnisse und Erfahrungen. Frauenkirchenkantor Matthias Grünert hatte für sein Projekt, das gleichzeitig den Dresdner Abschluß des Heinrich Schütz Musikfestes markierte, neben dem Kammerchor der Frauenkirche, die Instrumenta Musica, fünf Solisten sowie den Liturgischen Singkreis Jena (für die Antiphone) gewonnen. Wie er sie alle allein im engen Altarraum gruppierte bzw. welche Effekte er erzielte, war erstaunlich. Der rechts und links in zwei Gruppen stehende Chor konnte hier eine venezianische Mehrchörigkeit natürlich nicht ausprägen. Doch die wundervoll von oben schwebenden Gregorianischen Gesänge des Liturgischen Singkreises Jena (von der Orgelempore) waren eine Ohrenfreude!

Ebenso der zweite Tenor des Abends, Tobias Hunger, der mehrfach das Echo in einem der Treppenaufgänge neben dem Altar im Verborgenen sang – der Effekt war einerseits großartig (Monteverdis Concerto Audi coelum zählt zu den zentralen, bekanntesten und schönsten Teilen des Werkes), andererseits erstaunt und erfreut es immer, wenn man eine so charakteristische Stimme (mühelos) allein am Klang erkennt.

Claudio Monteverdis »Vespro della Beata Vergine« haftet etwas Rätselhaftes in mehreren Ebenen an. So sind einige Teile mit »Sonata« oder »Concerto« übertitelt, mit Gattungen also, die wir gemeinhin als instrumental kennen, die hier aber nicht nur mit einem Text, sondern einer wesentlichen Botschaft verbunden sind. Auch fügen sich ganz unterschiedliche Textarten, was einem linearen Erzählfluß widerspricht, aber gerade hierin liegt ein großes Spannungsmoment.

Dieses erhielt Matthias Grünert nicht nur, er stellte es außerordentlich heraus. Seine Solisten (neben Tobias Hunger außerdem Hanna Zumsande und Maria Bernius / Sopran, Tilman Lichdi / Tenor und Tobias Berndt / Baß) sowie der sich in einer erstaunlichen Verfassung befindende Chor machten die Vesper zu einem großen musikalischen Erlebnis mit vielen Höhepunkten. Gerade Hanna Zumsande und Tilmann Lichdi beeindruckten mit Wandlungsfähigkeit und einem breiten Ausdrucksspektrum. Die Instrumenta Musica stattete die Effekte wirkungsvoll (Zinke) aus, konnte aber selbst im Basso continuo die geschmeidige Orgelbegleitung um himmlische Harfenklänge erweitern. Unter den Höhepunkten stach vielleicht Nisi Dominus (nach Psalm 126) noch ein wenig mehr heraus.

17. Oktober 2021, Wolfram Quellmalz

Tip: Festkonzert zum Kirchweihfest, 23. Oktober, 20:00 Uhr, Frauenkirche, Joseph Haydn: Sinfonie C-Dur Hob. I:56, mit Romy Petrick (Sopran), Geneviève Tschumi (Alt), Tobias Hunger (Tenor), Thomas Laske (Baß), Chor der Frauenkirche, ensemble frauenkirche dresden, Frauenkirchenkantor Matthias Grünert (Leitung), weitere Informationen: http://www.frauenkirche-dresden.de

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