Neustart mit neuem Dirigenten

Mendelssohns Paulus mit der Dresdner Singakademie in der Kreuzkirche

Es scheint, als gäbe es derzeit wenn nicht »nur«, dann zumindest viele Neustartkonzerte. Manche Neuausrichtung ist aber nicht »C«, sondern einem ganz normalen Verlauf geschuldet: Ekkehard Klemm hatte die Leitung der Dresdner Singakademie – eines der größten und traditionsreichsten Laienchöre der Region –, die er seit 2004 innehatte, in diesem Jahr abgegeben. Sein Nachfolger Michael Käppler war de facto seit Sommer im Amt, nur schränkten ihn die derzeitigen Bedingungen in seinem Wirken ein. Einzel- oder Gruppenproben sind eben nur ein Teil der Chorarbeit. Für ein Werk wie Felix Mendelssohns Oratorium »Paulus« beginnt normalerweise etwa ein halbes Jahr vor der Aufführung eine intensive Probenphase. Das war in diesem Jahr nicht einmal ansatzweise möglich – erst nach den Sommerferien war eine Rückkehr zu regelrechten Proben überhaupt denkbar.

Insofern war ein – in seiner Länge wie der eigentlichen Besetzungsstärke – so großes Werk eine enorme Herausforderung. Sowohl das Orchester wie der Chor blieben allein in der Zahl der Beteiligten unter dem gewohnten, ganz abgesehen von dem, was Mendelssohn selbst praktiziert hatte.

Seinen Auftakt bzw. Antritt gestaltete Michael Käppler daher mit Maß und Sorgfalt – langsame Tempi waren ein Schlüssel, sich dem Werk zu nähern und eine Überforderung zu vermeiden. Das tat in vielem durchaus wohl, gerade die Choräle gefielen manchen Besuchern gerade so, also absolut, ohne daß dazu aufführungspraktische Erwägungen in Betracht gezogen worden wären. Das lag einerseits daran, daß der Klang des Chores von dieser Maßnahme profitierte, andererseits wahrte Michael Käppler trotz der damit »weiteren Strecken« die Spannung des Werkes, was schon einmal bemerkenswert ist!

Denn natürlich führt eine solche Tempowahl zu einer spürbar längeren Aufführungszeit. Und in manchem, wie dem Choral »Oh Jesu Christe«, den das Solistenquartett begann, zeigte sich dann doch die übergroße Langsamkeit auf, die hier behäbig schien. Es war eben eine Kompromißlösung, denn später übernahm wieder der Chor, es galt also, das Maß zu halten. In der Ausgewogenheit der Stimmgruppen und vor allem den fugierten Passagen merkte man, daß die Singakademie noch nicht wieder da ist, wo sie sein möchte – wie denn auch.

Das positive ist, daß mit Michael Käppler ein Leiter gefunden wurde, der sowohl erfahren genug ist als auch noch jung – die Möglichkeiten zu Lenkung, Korrektur und Begeisterung sollten ihm gleichermaßen gegeben sein, diesen Vertrauensvorschuß kann man ihm aus der Erfahrung (Michael Käppler ist in vielen Aufführungen bereits als Chordirigent und -assistent hervorgetreten) getrost zugestehen.

Ohnehin wohnt Mendelssohns Musik eine Leuchtkraft inne, die fast heilende Wirkung hat. Erfreulich war das Solistenquartett mit Britta Schwarz (Alt), Florian Sievers (Tenor) und Daniel Ochoa (Baß), Friederike Beykirch war später noch hinzugestoßen. Ihren Sopran konnte man in den letzten Jahren nicht nur immer wieder hören, er hat in dieser Zeit ungemein an Geschmeidigkeit und Sanftheit gewonnen, ohne daß Friederike Beykirch an Brillanz verloren hätte. Damit sind die Ausdrucksmöglichkeiten und Rollen gewachsen, wie die ungemein schönen Erzählerpassagen zeigten, welche Paulus für den Sopran bereithält. Florian Sievers und Daniel Ochoa überzeugten ebenso einzeln wie im Duett, rezitativisch oder arios, während der Komponist den Alt schlicht zu wenig besetzt hat.

25. Oktober 2021, Wolfram Quellmalz

Nächstes Konzert der Singakademie Dresden: 14. November, 13:00 Uhr, Lukaskirche Dresden, »Holder Friede, süße Nacht« heißt es dann mit Andreas Rombergs »Das Lied von der Glocke« sowie Ludwig van Beethovens Messe C-Dur Opus 86, mit Heidi Maria Taubert (Sopran), Anna-Maria Tietze (Alt), Benjamin Glaubitz (Tenor), Jussi Juola (Baß), Großer Chor und Kammerchor der SingakademieDresden, Dresdner Barockorchester, Jurgita Česonytė und Michael Käppler (Leitung), weitere Informationen:

https://singakademie-dresden.de/konzerte-karten/index.html

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