Brahms – gerettet!

Kahchun Wong springt in buchstäblich letzter Minute bei der Dresdner Philharmonie ein

Das gehört im Musikbetrieb einfach dazu, die Gefahr, daß noch in letzter Minute ein Gast krankheitsbedingt absagen muß. »In letzter Minute« kann dabei auch schon Mitte der Woche bedeuten – die fehlende Probenzeit läßt sich dennoch kaum aufholen. Insofern ist es verständlich, daß Kahchun Wong, der für Jaime Martin anreiste, das geplante Programm für das vergangene Wochenende ändern mußte. Béla Bartóks Tanz-Suite entfiel leider (wird aber hoffentlich in einer der kommenden Spielzeiten nachgeholt), das Konzert fand ohne Pause statt.

Doch das wegen dieser Notwendigkeit reduzierte Programm blieb anspruchsvoll und fordernd. Keiner solle glauben, eine Brahms-Sinfonie wäre eben mal schnell eingeübt – im Gegenteil! Sein Werk, gerade das sinfonische, erfordert ungemein viel Detailarbeit und Homogenität, um so zu erblühen, wie wir es – nur scheinbar selbstverständlich – gewohnt sind. Wer einmal Gelegenheit hat, der Erarbeitung einer solchen Sinfonie beizuwohnen, der kann nur staunen.

Daß es also Johannes Brahms‘ zweiter Sinfonie am Freitag im Dresdner Kulturpalast hier und da (zweiter Satz) noch an Binnenspannung fehlte, daß die Balance der leisen und wuchtigen Passagen nicht ganz hielt, war nachvollziehbar. Ohnehin ist Brahms‘ Temperament mitunter schwer zu fassen.

Leichter zu fassen, aber mit vielen Möglichkeiten der (Fehl)assoziation, erklang vorab Richard Strauss‘ Duett-Concertino F-Dur für Klarinette, Fagott, Orchester und Harfe. Strauss soll sich von Märchenstoffen inspiriert haben lassen, von einer Prinzessin und einem Bär oder einem als Schweinehirt arbeitenden Prinzen vielleicht. Mag sein – man sollte sich nur nicht so schnell festlegen, daß die Klarinette für die Prinzessin und das Fagott für den Bär stünde! Heutzutage könnte es auch ein junger, tanzender Bär und eine … Oder sind es ganz einfach (klassisch) Katze und Großvater? Fabian Dirr und Daniel Bäz ließen den beiden Figuren – wer auch immer sie sein mögen – freien Lauf. Fabian Dirr ließ die virtuosen Perlen der Klarinette, die sich zuerst vorstellte, tröpfeln, das bedächtige Fagott gewährte ihr zunächst den Vortritt, bis Daniel Bäz mit einem von Streichertremoli angefachten Solo zeigte, wie schön sein Instrument singen kann. Das ließen Fabian Dirr bzw. die Klarinette nicht auf sich sitzen und erwiderten mit einem Solo capricieuse. Also ist die Klarinette wohl doch die Prinzessin? Dann wäre der bedächtige, samtene Kommentar des Fagotts vielleicht eher der Mutter oder Tante als dem Bären zuzuordnen …

Mit Nora Koch (Harfe) durfte sich noch eine Philharmonikerin in die Solostimmen mischen, bevor schließlich Johannes Brahms eher einen Choral der Celli anstimmte, als daß er einzelne Solisten heraushob. Den sinnlich-melancholischen Ton des Violoncellochores hatte zuvor schon Strauss als Schatten erweckt, nun durfte sich darüber ein ganzes Gebirge aus Blechbläsern und tiefen Streichern erheben. Die Details hatte der Nürnberger Chefdirigent (Symphoniker) sorgsam herausgeputzt, folgte den Kontrastlinien, setzte klare Akzente. Auf den inneren Zusammenhalt des Orchesters dürfte sich Kahchun Wong verlassen können haben – Brahms war also gerettet, so daß der Eindruck am Ende größer war, als es die Länge des Konzertes hätte vermuten lassen.

23. Oktober 2021, Wolfram Quellmalz

Am nächsten Sonnabend (18:00 und 20:30 Uhr) bei der Dresdner Philharmonie: Charlie Chaplin »The Kid«, Stummfilm mit Livemusikbegleitung, Leitung: Benjamin Pope

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