Weiteres »Sternenstück« uraufgeführt

Zweiter Musikalischer Online Salon mit Gráinne Mulveys »Rho Cassiopeiae«

Vor einem Jahr, als Ian Wilsons »A synder’d vastness« auf dem Programm gestanden hatte, war dies noch der Situation folgend ins Programm gerutscht, weil das Uraufführungskonzert abgesagt werden mußte. Wilson, der sich für Naturwissenschaften begeistert, hatte die Zeit des Universums in seinem Stück verarbeitet. Er vermittelte auch den Kontakt zwischen Matthias Lorenz, dem Organisator der Musikalischen Online Salons, und der irischen Komponistin Gráinne Mulvey, die damals an der Zoom-Konferenz teilnahm. Resultat dieses Anfangs war ein neues Werk – eine von drei Uraufführungen und von zwei Auftragswerken des MOS in diesem Winter.

Ähnlich und doch ganz anders als Ian Wilson mit »A synder’d vastness« beziehtsich »Rho Cassiopeiae« auf das Weltall und das Universum. Der Name ist dem gleichnamigen Stern im Sternbild Kassiopeia entlehnt, eines der größten und massereichsten Sterne in unserer Galaxie überhaupt. Von der Erde aus gesehen scheint er jedoch weniger hell, hinzu kommt, daß er stetig an Masse verliert. Gerade diese Instabilität, die Fluktuation, hat Gráinne Mulvey gereizt. Sie hat daraus eine Idee und schließlich ihr Stück abgeleitet. Für die Komponistin standen Fragen im Raum wie nach der Farbe des Sterns, der ein rot, gelb oder blau glühender Ball ist – oder war. Denn gleich darauf schließt sich die Frage an, ob der Stern überhaupt noch (so) existiert oder ob wir nur »altes Licht« sehen. Vielleicht ist Rho Cassiopeiae bereits zur Supernova geworden (die wir später noch sehen könnten) oder schon erloschen.

Das Stück trägt die Instabilität in Dynamik, Farbe und nicht zuletzt in der Tonhöhe in sich. Beispielsweise sind die Saiten des Cellos verstimmt, die untere besonders stark. Sie hat so wenig Spannung, daß sich, wenn man sie kräftig anstreicht, die Klanghöhe ändert. Das Werk zeichnet die Idee Rho Cassiopeiae in Segmenten nach, die jedes für sich Wandel und Fragilität in sich tragen, leise beginnen und lauter werden, aber auch bersten und zerstreut werden können.

Diesmal waren die Komponisten unter den Diskussionspartnern stark in der Überzahl, was zu fachspezifischen Fragen, etwa den Umgang mit bestimmten Aspekten der Klangumsetzung, führte. Dieser Bezug war besonders stark, weshalb Matthias Lorenz die Uraufführung auch nicht erst nach der Diskussion, sondern in deren Mitte spielte. Die Schlußsequenz gab es dann noch einmal vor dem Ende des MOS.

Allein vier der Teilnehmer kamen aus Irland, was im Rückblick auf den letzten MOS, als das Stück »AA-GA I« von Younghi Pagh-Paan die Frage aufwarf, ob dies originär koreanische Musik sei, die Gelegenheit zur Gegenprobe bot: Ist »Rho Cassiopeiae« ein irisch klingendes Stück? Nein, fanden Gráinne Mulvey, Ian Wilson und ihre Kollegen, eine typisch irische Idiomatik sei nicht auszumachen, eher eine europäische. Auch Friedemann Schmidt-Mechau konnte als deutscher Teilnehmer nichts typisch »irisches« darin finden. Matthias Lorenz enthielt sich eines Urteils, weil er durch den Perspektivwechsel (»ich höre das Stück nicht, ich spiele es nur«) sozusagen nicht »neutral« urteilen würde.

9. Februar 2022, Wolfram Quellmalz

Der MOS 22 #2 kann weiterhin auf YouTube aufgerufen werden. Am 1. März steht Paul-Heinz Dittrichs »Cello-Einsatz« auf dem Programm. Der Literaturwissenschaftler Christoph Grube wird zuvor über Paul Celans gleichnamiges Gedicht im Kontext seiner Poetik sprechen.

Zum Programm des MOS incl. aller Vorschauvideos und Plattformen gelangen Sie über: http://www.matlorenz.de/mos

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