Leidenschaft und Begeisterung

Marek Janowski und die Philharmonie pflegen Tradition und eröffnen Hörmöglichkeiten

Die Sinfoniekonzerte der Dresdner Philharmonie standen am Wochenende bereits im Zeichen des Jahrestages der Wiedereröffnung. Fast eine Million Besucher hat das Haus seitdem gehabt, freute sich Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert – trotz der Ruhezeiten zwischendurch.

Von Ruhezeit konnte am Sonnabend keine Rede sein, fast schon von Unruhezeit, denn Marek Janowski inspirierte sein Orchester zu höchster Leidenschaft. Und diese prägte bereits Johannes Brahms‘ Violinkonzert (Opus 77). Im Vergleich mag es weniger vordergründige, kantilene Melodien für den Solisten aufweisen, dafür ist es – führten James Ehnes (Violine) und das Orchester vor – geradezu durchglüht von Innigkeit und Hingabe, die erweckt werden wollen. Ehnes erweckte sie, als argumentierte er mit seiner Violine, umgarnte die Philharmonie und versuchte, sie für sich zu gewinnen. Und gewann. Mit einem klaren, noblen Ton, der auf Übermaß verzichtet und schon im ersten Satz bereit war, sich sinfonisch zu verbinden (wie im Schluß des Finales). Das Orchester spendete der Glut den vibrierenden Puls der Bässe, spiegelte das Glühen der Leidenschaft gerade im dritten Satz in den Bläsern, nachdem die Hörner schon zu Beginn einen Widerhall auf den Solisten hatten leuchten lassen.

Offenbar wurde dieses Violinkonzert – ganz im Brahms’schen Verständnis – von einem innigen Miteinander (statt Gegenüber) getragen. Exponierte Passagen wie die Kadenz des ersten Satzes gönnte der Komponist dem Solisten wenig, dafür um so schönere – leidenschaftlichere –, wenn sich die Stimmen verbanden, wie in der kurzen, kadenzartigen Überleitung des Allegro giocoso – eine fast berauschende Klangsinnlichkeit! Solch inneres Beben läßt sich mit einer Zugabe nicht beilegen, es braucht zwei – einen »Aufreger« und eine »Beruhigung« aus Bachs C-Dur-Sonate.

Von Klangsinnlichkeit profitierte – nun unter den Augen und Ohren des ins Publikum gewechselten Solisten – auch Karl Amadeus Hartmanns sechste Sinfonie. Erst spät zu Ehren gekommen, gilt der Komponist heute (noch) nicht als Klassiker des zwanzigsten Jahrhunderts. Manche Versuche einer Wiederaufführung hier und da anläßlich von Jubiläen in der Vergangenheit schienen zaghaft. Doch die Dresdner Philharmonie machte offensichtlich, wieviel Schönheit – Klangsinnlichkeit – bei ihm zu finden ist. Auch bei Hartmann gibt es fast kadenzartige Übergänge, wie sie anfangs Fagott und Pauken bestritten. Darüber hinaus offenbarte sich eine außerordentliche Kontrastwirkung, eine, die weniger auf grellen Gegensätzen beruht (wiewohl sie zugespitzt sein kann), sondern auf Schattierungen und Steigerungen. Die Sogwirkung war enorm, allein die Klangfülle der zehn (!) Schlagwerker konnte bezaubern.

Ein Teil der Verblüffung lag gerade in den überraschenden Wendungen und Wandlungen des ersten Satzes. Er ist weniger von einem offensichtlichen Verlauf geprägt, vielmehr gleicht er einer Skulptur – sie steht fest auf ihrem Boden, verändert sich aber mit dem Blickwinkel des Betrachters erheblich. Das Adagio schien ständig zu wachsen, sich zu erweitern, nahm dynamisch Fahrt auf. Die Fugen des zweiten Satzes waren eben nicht allein Kontrast in Struktur oder Tempo, auch sie wandelten sich, griffen ineinander, überraschten mit einer rhythmisch-tänzerischen, jazzigen Passage. Solch begeisternde Aufführungen sollten eigentlich neugierig machen, mehr von diesem Komponisten zu hören!

1. Mai 2022, Wolfram Quellmalz

In der kommenden Woche lädt die Dresdner Philharmonie unter anderem zu einem Kammerabend (Dienstag) ein, am Wochenende steht außer der Rückkehr von Organistin Iveta Apkalna ein Tag der offenen Tür (Sonnabend) mit Kurzprogrammen bevor. Mehr dazu unter: http://www.dresdnerphilharmonie.de

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