Mitten ins Herz

Weihnachtskonzert des Dresdner Kammerchores

Offiziell war das Heinrich-Schütz-Jahr mit dem 350. Todestag des Komponisten im November abgeschlossen. Seitdem ist Schütz aber nicht verklungen, seine Bedeutung bleibt immanent und ist kein temporärer, auf eine Fest(spiel)zeit reduzierter Zustand. Eine ganze Reihe von Künstlern hat immer wieder etwas zu ihm beizutragen und wird es künftig tun, nicht erst im Oktober zum nächsten Heinrich Schütz Musikfest. Den Dresdner Kammerchor zum Beispiel kann man sich ohne den »Begründer der deutschen Barockmusik« (so der Titel einer Dokumentation, derzeit in der arte-Mediathek) kaum vorstellen. Und man will es auch nicht – zum Konzert des Kammerchores am Mittwoch waren in der Dresdner Annenkirche noch die letzten Bankreihen besetzt.

Photo: NMB

Nicht nur Heinrich Schütz, auch Johannes Eccard und Michael Praetorius – ein Jubilar des letzten Jahres – gehörten zum Programm, das sich ganz dem Ablauf der Weihnachtstage zuwandte. Hans-Christoph Rademann führte den Kammerchor und ein Instrumentalensemble um Wolfgang von Kessinger (Violine), Michaela Hasselt (Orgel) und Matthias Otto (Theorbe) durch die Strophen, nutzte die Flexibilität und Klangsinnlichkeit beider Ensemble, so daß schon Johannes Eccards »Vom Himmel hoch« in den Strophen a cappella und mit Begleitung belebend verschieden dargeboten wurde. Vor allem konnte der Chor wieder mit seiner Geschlossenheit beeindrucken, einer Homogenität, die auf betonte Kraft verzichtet, dennoch unmittelbar zum Wort des Textes bzw. zum Herzen der Zuhörer vordringt.

Nicht zuletzt lag das an der (ebenso flexiblen) Einbindung der Solisten. Neben Gerlinde Sämann (Sopran), Georg Poplutz (Tenor) und Felix Schwandtke (Baß) waren aus den Reihen des Kammerchores Jaro Kirchgessner (Altus) und Tobias Mäthger (Tenor) sowie weitere beteiligt. Das brachte einerseits gemeinsam mit den Instrumentalisten die Musik zum Blühen, hatte aber auch a cappella immer wieder eine ganz berührende Wirkung, wie in Johannes Eccards »Übers Gebirg Maria geht«. Für Michael Praetorius‘ »Wie schön leuchtet der Morgenstern« stellten sich vier Sopranistinnen (außer Gerlinde Sämann Birgit Jacobi-Kircheis, Katharina Salden und Bo-Kyoung Seo) im Kirchenschiff verteilt auf und sorgten mit dem Chor für außerordentliche Wechselwirkungen.

Solche gab es ebenso mit dem Orchester, das neben einer Baßbegleitung verschiedene Schattierungen beizutragen wußte, mit feinen Blockflötenstimmen (noch im Tutti zu hören) betörte oder mit dem einehmenden Klang der Gamben schmeichelte. Für festlichen Strahlenglanz sorgten Zinke und Posaunen.

Mit gleich zwei größeren Werken stand Heinrich Schütz doch ein wenig mehr im Mittelpunkt, zunächst mit dem Magnificat (SWV 468), natürlich durfte die Weihnachtshistorie (SWV 435) nicht fehlen. Wobei sich das erstere Werk als »Seelenöffner« erwies, einerseits durch den reichen Klang des Chores, andererseits durch die wirkungsvolle Kombination der Soli von Baß, Alt und Violine – diese Emphase war wirklich umwerfend!

Die Mittel in der Weihnachtshistorie sind noch andere. So hat das Werk einen ausgeprägten Erzählercharakter, Georg Poplutz statte den Evangelisten außerdem aber mit Emotionalität aus, gestaltete viele Passagen sorgsam und dramatisch ausgewogen. Ebenso wirkten die Farbkontraste der unterschiedlichen Rollen (Engel, Herodes) und deren instrumentaler Partner. Wie wirkungsvoll dies war, ließ sich an der Stille ablesen, die sich nach dem letzten Ton ausbreitete – der große Applaus setzte erst verzögert ein. Mit zwei großartigen a-cappella-Zugaben (»Jesu, großer Wunderstern« sowie »Stille Nacht«) verabschiedete sich der Kammerchor von seinem Publikum.

29. Dezember 2022, Wolfram Quellmalz

Nächste Konzerte des Dresdner Kammerchores in Dresden:

28. Februar, 19:30 Uhr, Zentralwerk: »zentral vokal«

8. April, 21:00 Uhr, Kulturpalast: »Late night der besonderen Art«

9. April, 18:00 Uhr, Kulturpalast: Händel »Messias«

Auf arte gibt es eine ganze Reihe von Film- und Konzertbeiträgen zu Heinrich Schütz (incl. der Weihnachtshistorie)

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