Nessun dorma

Dresdner Streichtrio feiert sein Jubiläum mit Bachs »Goldbergvariationen« nach

Legenden haftet schon deshalb eine Faszination an, weil der Betrachtungsgegenstand etwas Besonderes – legendär – ist. Ihnen haftet aber auch eine nicht gesicherte, fragliche Überlieferung an. Nun kann man eine Legende wissenschaftlich demontieren – davor sei gewarnt! Zumindest, dabei unbedacht vorzugehen. Mitunter kann es sonst passieren, daß von der Legende nur ein arg kleiner Kern, ein Fünkchen Wahrheit bleibt, oder ein Häufchen Asche der entzauberten Schimären …

Belassen wir es also dabei, daß der Cembalist Johann Gottlieb Goldberg dem Reichsgrafen Hermann Carl von Keyserlingk des Nächtens vorspielen mußte, wenn der Dienstherr schlaflos lag, um ihm die Nachtstunden zu vertreiben. Zu diesem Zweck soll der Reichsgraf bei Johann Sebastian Bach ein Variationswerk (BWV 988) bestellt haben – somit wäre die Herkunft des Namens »Goldbergvariationen« geklärt.

Leider keine Legende ist, daß Bearbeitungen oft nicht erfreuen. Vor allem im 20. Jahrhundert oder heute angefertigte Neufassungen zeugen allzuoft vom unbedachten Vorgehen eines Komponisten (oder »Kompostiteurs«, sic!) – Stimmen hervorzuheben oder hinzuzuerfinden kann ebenso schädlich sein und unerfreuliche Folgen haben wie eine sorglos demontierte Legende. Glücklicherweise ist es nicht immer so – Dmitri Sitkovetskys Fassung der Goldbergvariationen für Streichtrio zeichnet sich nicht nur durch Qualität und Sinnigkeit aus, sie ragt unter den Bearbeitungen hervor, sucht ihresgleichen. Nicht zuletzt, weil dem Bearbeiter eine konzise Umsetzung gelang – die Goldbergvariationen bleiben bei ihm ein geschlossener Zyklus. (Von der Kunst der Fuge existieren ebenfalls sehr gute Bearbeitungen, unter anderem von Mozart, aber jeweils nur von einzelnen Stücken, niemals im Ganzen.)

Eigentlich hatte das Dresdner Streichtrio sein Jubiläum bereits 2021 feiern wollen, damals zum 25jährigen Bestehen, jedoch 2021 …

Freitag konnte das Konzert endlich nachgeholt werden – ohne Einschränkung, ohne Trübung, die Semperoper war bis in den dritten Rang gefüllt! Die Besucher durften sich von Beginn der Aria faszinieren lassen – eventuelle Vergleiche (der eine oder andere hatte sicher eine bestimmte Aufnahme mit Klavier im Ohr) waren schnell Nebensache, denn der Fassung für Streichtrio bzw. dem Spiel von Jörg Faßmann (Violine), Sebastian Herberg (Viola) und Michael Pfaender (Violoncello) wohnt(e) eine verblüffende Ursprünglichkeit inne. Die drei Streicher agierten – anders als in Bearbeitungen, welche beim Hervorheben der Stimmen Kontraste erhöhen und ein Gegenüber herausstellen – wie ein Klangkörper. Und so, wie man auf dem Klavier auch einmal »nur oben« oder »nur unten« spielt (oder nur auf den schwarzen Tasten) ergaben sich dabei immer wieder Duosituationen mit zwei Streichern, während der jeweils dritte vorübergehend pausierte, ohne daß etwas leiser oder »weniger« geworden wäre oder sich sonst ein Verlusteindruck eingestellt hätte.

So zirkelte sich das Dresdner Streichtrio durch die Variationen, erfrischte besonders mit Nr. 8, lüftete das filigrane Spiel in Nr. 11, setzte immer wieder Ruhepunkte und Momente des Innehaltens – wer sollte da schon einschlafen?

Eigentlich ist es unmöglich, nach so einer Aufführung eine Zugabe zu spielen. Was sollte nach den Goldbergvariationen auch noch passen? Eine Goldbergvariation! Die 19., vielleicht »leichteste«, die Bach nicht als Barock- sondern als Rokokokomponisten zeigt.

21. Januar 2023, Wolfram Quellmalz

Das Dresdner Streichtrio hat die Goldberg-Variationen 2005 bereits einmal eingespielt. Die bei Querstand erschienene Aufnahme ist weiterhin erhältlich.

Wenn Sie noch Mußestunden übrighaben, aber keine Legenden »zerfetzen« wollen, so vertiefen Sie sich doch bei einem anderen Vertreter aus dem Zweig der Familie Keyserling(k). Zum westfälischen Adelsgeschlecht gehörte auch Eduard Graf von Keyserling.

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