(Zu) viel Farbe

Quatuor Ébène begeistert bei seiner Rückkehr das Dresdner Publikum

So schön und gelungen der neue Konzertsaal der Dresdner Philharmonie im Kulturpalast auch ist – für Kammermusik eignet er sich nicht wirklich. Akustisch einwandfrei, nimmt er schon in seiner Größe dem Anlaß die Intimität. Leider verstärkte sich das gestern noch um zwei Grade: die überflüssige, wechselnde Farblichtbestrahlung des Bühnenhintergrunds (noch dazu, wenn sie wie bei Robert Schumann mitten im Stück von intensivem Hellblau auf Signalrotorange umschlug!) wirkte allein schon unangebracht aufdringlich. Ob sie den Ausschlag gab, daß manche im Publikum lauthals jubelten und johlten? Zwar gaben die Besucher, vielleicht sogar neu hinzugewonnene, damit ihrer Begeisterung für die Show Ausdruck, den eigentlichen Charakter eines Kammerabends minderte dies allerdings, was wiederum für Teile des Stammpublikums ein Grund sein könnte, vom nächsten Konzert abzusehen.

Photo: Quatuor Ébène, © Julien Mignot

Ungeachtet dessen war allein das Programm des Quatuor Ébène schon verführerisch – wann erlebt man die sagenhafte Musik Henry Purcells schließlich schon einmal mit einem Streichquartett (man hört ihn sowieso zu selten)! Zudem hatte György Ligeti (1923 bis 2006), einer der Jubilare dieses Jahres, seinen ersten Geburtstagsauftritt im Kulturpalast – wie schön, daß wir uns noch auf einige Stücke hier freuen können!

Für den Beginn hatten Pierre Colombet und Gabriel Le Magadure (Violine), Marie Chilemme (Viola) sowie Raphaël Merlin (Violoncello) fünf der Fantasie von Henry Purcell ausgewählt (Z 735 bis 737 sowie 739 und 742). Wiewohl an sich frei (Fantasie) folgen sie doch meist einem Aufbau mit Introduktion und Verarbeitung, hatten fugierte Passagen. Doch nicht im einzelnen stachen diese Merkmale heraus, ebensowenig individuelle Stimmen. Vielmehr fand Quatuor Ébène zu einer Symbiose aus Streichquartett und Consort – es brauchte nur wenig Fantasie, um sich vier Gamben vorzustellen. So vertieften sich die vier Spieler in die Charaktere der Stücke, die zu lächeln oder melancholisch schienen – der hochgerissenen Bögen am Ende hätte es da gar nicht bedurft.

Zum Glück markiert Ébène nicht den Schluß jeden Stückes auf diese Weise. Die Métamorphoses nocturnes von György Ligeti brauchten derlei nicht, zeigten sich fein versponnen und wandelbar in ihrer Gestalt. Und diese (Gestalt) gewann durch die Ausgewogenheit des Quartetts, das sich offenbar freimachen kann von der an sich festgelegten (Führungs)struktur. Schon mit den glissandierenden Aufwärtsfiguren – einem schier unglaublichen Kontrast nach Purcell – war eine märchenhafte Stimmung geschaffen, das Nocturne glühte aber auch (unabhängig vom unsinnig leuchtenden Lila ringsum) recht leidenschaftlich durch die Nacht bzw. den späten Abend. So traten nicht nur verschiedene Stimmen oder Passagen mit Prägnanz hervor, es wurden Brüche, Fragilität und Nachtstimmung offenbar – oder die Kunst eines gewitzten Erzählers, als den man den Komponisten György Ligeti wohl sehen kann. Das Nocturne verhauchte ephemer vor der Pause – wunderbar!

Im zweiten Teil schloß das Quatuor Ébène ein wenig dort an, wo es bei seinen vorigen Besuchen aufgehört hatte. Zumindest liegt Robert Schumann näher an Beethoven oder am Gattungsbegriff des Streichquartetts selbst (»Standard« möchte man gar nicht sagen, denn Schumann hat ihn nicht erfüllt, sondern mitgeprägt und weiterentwickelt). Opus 41 Nr. 1, in a-Moll wie so mancher Geniestreich von Schumann, verband mit den vier Franzosen Vehemenz und Innigkeit, Aufglühen und Leidenschaft, und das organisch, ohne daß ein ambivalenter Eindruck entstanden wäre. Zugegeben, die vier sind eines der energetischsten Quartette derzeit, die energetischen Passagen liegen ihnen besonders, etwa der Beginn des Scherzos – ohnehin einer der charakteristischen Anfänge eines solchen Satzes. An Nuancierung und Balance fehlte es keineswegs, Schumannverehrer hätten sich trotzdem eine Spur mehr subtiler Feinheit gewünscht, weniger Energie.

Erlebnisreich war der Abend so oder so – nur die Zugabe, ein verwaschener Tango von Thelonious Monk (»Round midnight«), wollte so gar nicht passen.

20. Januar 2023, Wolfram Quellmalz

Am 30. März wird das Zukunftsorchester in seinem Programm unter anderem György Ligetis »Hamburgisches Konzert« für Horn und Orchester spielen, im Juni folgt mit den Philharmonikern das aufsehen- und -hörenerregende »Atmosphères«. Alle Termine und Programme unter:

http://www.dresdnerphilharmonie.de

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s