Dresdner Kammerchor erobert Kulturpalast

Zusammenarbeit mit der Philharmonie fortgesetzt

Schon im vergangenen Jahr hatte Hans-Christoph Rademann während der Ostertage mit dem Dresdner Kammerchor den Kulturpalast für sich gewonnen. Am vergangenen Wochenende wurde die Kooperation zwischen dem Chor und der Dresdner Philharmonie fortgesetzt, die nicht nur einlud, sondern sich am zweiten der Konzerte beteiligte. Nachdem vor Jahresfrist der dritte Teil aus Händels »Messiah« erklungen war, gab es das Werk nun im Ganzen.

Dublin, Fishamble Street Temple Bar 8, Neal’s Musick Hall: Hier wurde am 13. April 1742 Händels »Messiah« uraufgeführt (links historischer Abbildung aus The Musical Times, 1903, rechts: Photo von heute), Bildquellen: Wikimedia commons

Zuvor jedoch gestaltete der Dresdner Kammerchor – ebenfalls wie 2022 – ein a-cappella-Spätkonzert am Sonnabend. »Schütz im Kulturpalast« hieß es diesmal – nach der Matthäuspassion im letzten Jahr stand nun die Johannespassion (SWV 481) auf dem Programm. Dem Spätwerk des Komponisten ging eine Vertonung des Stabat mater von Giovanni Pierluigi da Palestrina voraus. Eine ungeheure Erfahrung schon allein die – mit dem Stabat mater verbindet man im allgemeinen zunächst die Komposition des fast 200 Jahre später geborenen Giovanni Battista Pergolesi. Palestrinas führte die Zuhörer noch weiter zurück an die Ursprünge der Mehrchörigkeit, am Ende des Abends schien Heinrich Schütz mit seinem Schlußchor »Oh hilf, Christe, Gottes Sohn« noch einmal dort anzuschließen (Schütz hatte die Mehrchörigkeit während seiner Venedig-Aufenthalte studiert). Das erlesene Programm wurde erlesen und berührend dargeboten. Tobias Mäthger sorgte als Evangelist für eine konzis gestaltete Erzählung, Martin Schicketanz (Baß) füllte die einzige Hauptrolle (Jesus) klangkräftig und gediegen aus, weitere Soli kamen aus dem Chor, der vor allem für eine feine Nuancierung sorgte – Johannes‘ Erzählung ist bekanntlich weniger effektlastig als die Fassung des Evangelisten Matthäus.

Der Konzertsaal des Kulturpalastes ist für Chöre eine gute Basis, nur mit einem kann er nicht dienen: dem Nachhall einer Kirche. Das war vor allem bei Palestrina zu spüren, dessen Mehrchörigkeit dann doch noch besser in einen anderen Raum gepaßt hätte, aber auch bei Händels »Messiah« am folgenden Tag, zumindest an zwei exponierten Stellen: im Hallelujah- wie im Schlußchor ist jeweils eine Pause gesetzt, die den Nachhall eigentlich braucht. Allerdings waren dies die einzigen spürbaren Nachteile. Hans-Christoph Rademann hatte die Musiker der Dresdner Philharmonie erneut zu einer historisch informierten Aufführungspraxis verführt und dabei einen guten Kompromiß gefunden: die Instrumente wie der Saal waren modern, die Spielweise aber auf den Chor und die gewünschten Affekte abgestimmt.

Mit Robin Johannsen (Sopran) und Marie Henriette Reinhold (Alt) fanden erneut zwei Solistinnen zusammen, die gerade erst mit dem Kreuzchor zum Gelingen von Bachs Matthäuspassion beigetragen hatten, Julian Habermann (Tenor) und Roderick Williams (Bariton) übernahmen die übrigen Soli, wobei besonders Roderick Williams mit Klangschönheit und Ausdruck gefiel.

Zum Gelingen trug nicht zuletzt die geschlossene Form bei sowie die nicht übertrieben herausgestellten Effekte. Einerseits blieben Rezitative und Accompagnati (mit Cembalo- und Orgelbegleitung) reizvoll und ausdrucksstark eingebunden, wesentliche Passagen wiederum waren sorgsam herausgearbeitet, wie die Steigerung in den prachtvollen Chören (»Wonderful«, »Hallelujah«). Vielleicht läßt sich die Philharmonie ja dereinst verführen, zum Osterfest in eine Kirche mitzukommen?

10. April 2023, Wolfram Quellmalz

Nächstes Konzert des Dresdner Kammerchores in Dresden: 27. Mai: Annenkirche, 17:00 Uhr, Werke von Johann Hermann Schein, Johann Sebastian Bach, Arvo Pärt und anderen.

http://www.dresdner-kammerchor.de

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