Russische Poesie

Elim Chan debütierte bei der Dresdner Philharmonie

»Sinfonische Tänze« titelte das Programm der Dresdner Philharmonie am Wochenende im Kulturpalast, doch waren die Werke sinfonischen Dichtungen näher als Tänzen auf einem Ball. Oder wie der Dichter Ossip Mandelstam schrieb: Schuldlos ist der Tod und keinem | keinem kann geholfen sein | Darum glühts, das Herz, in seinem | Nachtigallenschein (deutsche Nachdichtung von Paul Celan).

Geheimnisvoll, glühend, von virtuosen Gesängen durchzogen, musikalisch verwoben und in ihren recherchierbaren Ursprüngen nicht restlos geklärt waren manche der Werke des Abends, wie Igor Strawinskys »Chant funèbre« (Trauerlied). Dunkle Tremoli, von hellen Holzbläsern wie von Lichtblitzen durchzuckt, die sich nach und nach steigerten, einen Nachtschimmer, Brechungen, Herzschlag nachzuzeichnen schienen – Elim Chan fand dafür eine transparente, ungemein poetische Sprache, diese sollte sie während des Abends beibehalten. Und das verblüffte mitunter, wenn man die Dirigentin beobachtete. Schien es doch oft, als zeigten beide Hände dasselbe (oder die eine bekräftigte, was die andere vorgab), während das Rechts / Links sonst doch die Aufgaben stärker separiert und koordiniert. Doch das Resultat war eine klar akzentuierte Darstellung, eine große Differenzierung gerade in Tempi und Dynamik, präzise Einsätze.

Pianist Lukáš Vondráček, Photo: © Irene Kim

So konnte sich Peter Tschaikowskis erstes Klavierkonzert über die rein brillante, virtuose Schau erheben, Pianist Lukáš Vondráček tat das seinige dazu. Wieder zeigte sich: wer in historischer Aufführungspraxis bzw. mit einem solchen Instrumentarium vertraut ist, kann auch einen Standardkonzertflügel tiefer ausloten. Statt sich der Lust hinzugeben, das Publikum allein zu berauschen, folgte Lukáš Vondráček dem Orchester in Sachen Differenzierung, dosierte seinen Anschlag und war in der Lage, mitten in der Phrase noch den Ausdruck zu ändern. Das half zum Beispiel, die Dialoge mit den Holzbläsern zu betonen, statt dominierende Brillanz perlen zu lassen. Daß er es vermag, bewies der Pianist in herausgehobenen Passagen – selbst ein Crescendo kann man gestalten, es muß nicht ungebremst fluten!

Poetisch fiel manche zarte, romantische Aufwallung aus, im Zusammenhang zeigten sich gar rhapsodische Elemente. Bei so viel Gestaltungskraft forderte das Publikum im Anschluß noch mehr und bekam – Poesie – Robert Schumanns »Träumerei«.

Typisch für Schumann war es, seine Satzbezeichnung nach dem zu treffen, was nicht sein solle (»nicht zu schnell«). Auch bei Sergei Rachmaninow gibt es so etwas: Non allegro lautet der erste seiner Sinfonischen Tänze. Elim Chan bündelte zunächst ein Farbenspiel, das sich in Stufen nach oben schraubte, bevor – noch einmal ganz rhapsodisch – die Palette der Holzbläser aufgefächert wurde: zu Oboe und Klarinette durften die Baßschwestern sowie ein Saxophon hinzutreten, bevor sich alle im Tutti verdichteten. Der zweite »Tanz« begann als Nachtstück, seine Steigerung führte über einen Valse rêveur zu einem Grand Valse. Hier und im abschließenden Lento assai – Allegro vivace ging der Dirigentin die schlanke Transparenz ein wenig verloren, an Kraft und Intensität ließ sie jedoch um kein Jota nach.

7. Mai 2023, Wolfram Quellmalz

Am nächsten Wochenende lädt die Dresdner Philharmonie zur Symphonie fantastique von Hector Berlioz ein (Dirigent: Mikko Franck). Außerdem gibt es Sergei Rachmaninows Rhapsodie über ein Thema von Paganini Opus 43 mit der Pianistin Anna Vinnitskaya.

http://www.dresdnerphilharmonie.de

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