Grüße aus Leipzig

Gewandhausorchester und Herbert Blomstedt im Kulturpalast Dresden

Das war überfällig: es gab und gibt zahlreiche Brücken in der Stadt Dresden und aus dieser heraus. So wie einst die Brücke Maler beitrugen, taten Musiker das ihrige, verbanden die Region mit aller Welt. Besonders aktive Verbindungen existieren derzeit nach Prag (Collegium 1704), Tschechien (Tschechisch-Deutsche Kulturtage) und nach Venetien (Junges Musikpodium), und auch sonst gibt es zahlreiche Verknüpfungen. Ausgerechnet jene nach Leipzig jedoch beschränkt sicher momentan noch (fast) auf die ICE-Verbindung, um ins Gewandhaus zu kommen. Zwar gibt es einen kammermusikalischen Austausch von Sächsischer Staatskapelle und Gewandhausorchester, aber darüber hinaus sind Besuche – auch der Dirigenten – nicht im Programm. Immerhin: Michael Sanderling, Chef der Dresdner Philharmonie und »Hausherr« im Kulturpalast, ist demnächst erneut in Leipzig als Gastdirigent zu erleben (14., 15. und 17. September).

Doch vielleicht gibt es nun eine neue Brücke: am Sonntag begann die Reihe der Palastkonzerte im Kulturpalast Dresden, jener Reihe, die von den Dresdner Musikfestspielen initiiert worden ist, mit Besuch aus Leipzig. Herbert Blomstedt ist den beiden großen sächsischen Orchestern aufs engste verbunden: von 1975 bis 1985 war er Chefdirigent der Staatskapelle, 1998 bis 2005 Gewandhauskapellmeister. Mit beiden geht er nach wie vor auf Gastspielreisen, in Leipzig hat er zuletzt zwei Großprojekte umgesetzt: die Aufnahme sämtlicher Beethoven- und Bruckner-Sinfonien. Für die Eröffnung der neuen Gewandhausspielzeit – es ist eine Jubiläumssaison, die 275. – und das erste Palastkonzert hatte Herbert Blomstedt jedoch zwei Leipziger Werke ausgewählt: Robert Schumanns Konzertstück für vier Hörner und Orchester sowie Felix Mendelssohns feierliche »Lobgesang«-Kantate.

Schumanns Werk, in Dresden entstanden – noch ein »Brückenaspekt« – eröffnete den Abend feierlich mit den Fanfaren der vier Gewandhaushornisten Bernhard Krug, Jan Wessely, Jochen Pleß und Juliane Grepling. Mit kräftigen Farben gaben sie dem fröhlich-festlichen Auftakt markantes Kolorit. Wie wunderbar, diesen gediegenen Orchesterklang erleben zu dürfen! Das zügige Maß wirkte belebend ohne Eile, im Gegenteil legte Herbert Blomstedt schon hier größten Wert auf Gesanglichkeit, nicht allein in der von den Solisten und dem Orchester feinfühlig vorgetragenen Romanze.

Der Aspekt der Gesanglichkeit gewann im zweiten Teil eine noch höhere Bedeutung. Felix Mendelssohns Opus 52, eine feierliche Sinfonie-Kantate, verströmte von Beginn beglückende Harmonie und geradezu hymnische Gesangslinien – selbst wer nicht Textsicher war, hatte die ersten Zeilen mit Sicherheit schon während der ersten Orchestertakte im Kopf!

Doch das Glück ging noch weiter, zunächst mit einem unvergleichlichen Chor, der in puncto Gediegenheit dem Orchester in nichts nachstand – daß es »nur« ein semiprofessioneller ist, konnte man kaum glauben! Herbert Blomstedt drang bis ins innerste der Partitur vor, also zu Inhalt und Aussage des gesungenen Textes. Innere Anteilnahme und Zuversicht gehörten ganz unverzichtbar dazu. So formte der Dirigent mit seinen Musikern ein Werk, das im ganzen von Atemhauch, Geist und – von der ersten bis zur letzten Note – gesungenem Wort getragen wurde.

Höhepunkte lagen so denn auch bei den Sängern: Besonders das Duett »Ich harrete des Herrn« der Soprane (Sophia Brommer und Marie Henriette Reinhold) zeugte vom Schönen, das dem Gesang innewohnt, während Tenor Tilman Lichdl vor allem mit Gestaltungskraft des sechsten Teils (mit dem Wandel von Finsternis zu Licht) begeisterte. Und der Chor tat es nicht minder, sein Choral »Nun danket alle Gott« war eine Hörweide!

Berührend war dieser Abend, dieses Berührtsein übertraf wohl noch den Glanz. Hoffentlich kommen sie wieder!

4. September 2017, Wolfram Quellmalz

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