Das große Wogen

Royal Scottish National Orchestra im Kulturpalast

Die Dresdner Musikfestspiele sind alljährlich Ankerpunkte in den Tourplänen internationaler Orchester. Der neue Konzertsaal im Kulturpalast macht den Ort noch attraktiver – kaum einer, der nicht davon schwärmt. Das hielt Peter Oundjian, Leiter des Royal Scottish National Orchestra, jedoch nicht davon ab, sein eigenes Dirigentenpult mitzubringen – ein wenig Heimat und Wohlfühlen gehört zum Arbeiten.

Schottische Nuancen bot das Konzert am Sonntag einige, begann aber an der Ostküste Englands. Benjamin Britten hatte aus seiner Oper »Peter Grimes« eine Suite zusammengestellt, um seine Musik auch in den Konzerten bekanntzumachen. »Four Sea Interludes« umfaßt Vor- und Zwischenspiele des Orchesters, welche Morgendämmerung, Sonntagmorgen, Mondlicht und Sturm ausmalen. Mit Soloflöte und hohen Streichern gestaltete das Royal Scottish National Orchestra die Meereswogen, Bläser zeichneten Gischt – Brittens Musik ist zuweilen ähnlich illustrativ und suggestiv wie Mendelssohns »Hebriden«. Bereits in den Beginn legte Peter Oundjian das Dräuen und Wogen des Meeres – in der Oper wird es Peter Grimes sein, der in Bedrängnis gerät.

Schon hier fielen die expressiven, frischen Bläser auf (mit fünf Hörnern statt vier laut Besetzung), ein Merkmal, das man von englischen Orchestern kennt und das sich später bei Brahms wiederholen sollte: Bläser sind auf der Insel offenbar wichtig und beliebt und treten daher oft prominenter hervor als in unseren Konzerten.

Doch zunächst betrat Nicola Benedetti – eine gebürtige Schottin – für Leonard Bernsteins Serenade nach Platons »Symposion« die Bühne. Harfe und Schlagwerke haben in den fünf Teilen, welche einen Diskurs der Philosophenrunde darstellen, ebenso zahlreiche Soloparts. Benedettis Ton ist ein lerchenhafter, zarter, süßer, blieb dabei vornehmlich tragfähig. Manche Passagen des Disputes arbeitete sie herb heraus. Peter Oundjian hielt die Waage zwischen den Solisten, so daß das Gleichgewicht zwischen Violine, Harfe und Schlagwerken erhalten blieb. Immer wieder sorgten Akkordschläge für dramatische Zuspitzung – eine Spannung, die in den »leichteren« Passagen manchmal fehlte.

Auf eine Zugabe der Solistin, auch als Gegenüberstellung zu Bernstein, wartete das Publikum vergeblich, das Orchester holte dies später nach.

Doch zunächst gab es Johannes Brahms vierte Sinfonie, erneut mit fünf statt vier Hörnern. Mit hellen Streichern und kräftigen Bläsern wirkte dieser Brahms, als hätte man ihn frisch ausgebürstet und mit starkem Kaffee gekräftigt. Ein wenig Sturm wohnte ihm inne – das dürfte dem Naturell des Komponisten durchaus entsprochen haben. Aber es ging auch mit feinem Pinselstrich: das Andante moderato gab Peter Oundjian mit elegischem Tiefsinn, bevor er über die Sätze drei und vier ein triumphales Ende erreichte.

Doch das beste kommt vielleicht zum Schluß: nach Aram Chatschaturjans Walzer aus »Maskerade« gab es noch »ein bißchen schottische Musik« (Peter Oundjian), einen traditionellen Tanz, den das Orchester mit schier endloser Steigerung immer emphatischer beschleunigte – erfrischend!

21. Mai 2018, Wolfram Quellmalz

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