Logisch kombiniert?

Dresdner Philharmonie mit Webern, Berg und Wagner

Wirklich zwingend schien die Zusammenstellung nicht, schließlich ist jeder nach Wagner geborene Komponist von demselben beeinflußt. Von Anton Weberns frühem sinfonischen »Im Sommerwind« ging es zunächst zu Alban Bergs »Drei Orchesterstücke« Opus 6, von da »zurück« zur Walküre, aber nur dem ersten Aufzug – vielleicht wollte Marek Janowski seinem Publikum einfach ein Stück Wagner präsentieren und hat dies mit orchestralen »Erzählstücken« kombiniert.

Mit tiefen Streichern und Bläsern beginnt Weberns Musik zu einem Gedicht von Bruno Wille. Ein kleiner Akzent nur, doch das Orchester überraschte hier mit einem Orgelklang (wie er in der dritten Walküren-Szene noch einmal zu hören sein sollte). Allerdings ist Anton Weberns frühe Komposition von 1904 mit späteren Werken kaum zu vergleichen und entwickelt auch nicht die narrative oder stimmungsvolle Kraft anderer »Tongemälde«. Eher überrascht »Ein Sommerwind« mit einem regelrechten »Breitbandsound«.

Um so mehr Spannung bot Alban Berg. Schon »Präludium« schien vorwärts, aufwärts zu drängen, war voll struktureller Prägnanz und mancher Überraschung, gerade in der Kombination von Instrumenten oder der Wirkung, die Berg mit ihnen erzielte. Nach dem Verhallen im Schlagwerk entwickelte sich im zweiten Stück »Reigen« eine individuelle Motivvielfalt aus Instrumentengruppen, die voneinander unabhängig schienen, aber doch durch ein Band geknüpft blieben. Der »Marsch« trieb das Spiel der Differenzierung rhythmisch noch weiter – erstaunlich, welche Klarheit Marek Janowski dem riesigen Orchester entlockte!

Für den ersten Aufzug aus Richard Wagners »Walküre« (die ja selbst nur ein »Teilstück« ist) hatte der Chefdirigent drei Solisten verpflichtet, die mit Wagner in Bayreuth oder an der MET bestens vertraut sind: Camilla Nylund (Sieglinde), Christopher Ventris (Siegmund) und Franz-Joseph Selig (Hunding). Freilich ist Wagner im Konzertsaal auch im Klang etwas anders, weil das Orchester auf der Bühne sitzt und die Sänger manchmal einhüllt (zu spüren vor allem bei Christopher Ventris) oder weil solistische Instrumente – obwohl sie toll spielten – eben »konzertant« wirken und nicht szenisch eingebunden sind. In beiden Fällen geht es wohlgemerkt nicht um die Frage der Laustärke.

Natürlich lassen sich mit solchen Sängern dennoch treffliche Effekte erzielen, weil ein exzellent artikulierender Franz-Joseph Selig die fehlende Bühne ausgleicht, wenn er (vom rechten Rang singend) mit der Betonung der zweiten Silbe in »verhaßt« eine Schärfung hervorbringt, welche die Stimmung neu ausrichtet. Christopher Ventris mußte sich am meisten gegen das Orchester durchsetzen, steigerte aber gerade in den langen Monologen des dritten Aufzuges seine Ausdruckskraft, während Camilla Nylunds leuchtender Sopran unvermindert lyrisch und tragfähig blieb.

Die Philharmonie ließ mit manchen Gästen (allein fünf Harfen brauchte die Walküre) Wagner lodern und wachsen. Unvermittelt war bereits das Vorspiel losgebrochen – Gefahr im Verzug, das wurde klar – der Erzählpunkt setzte ein, als der Brand schon entfacht war. Hörner und Tuben strahlten golden den Hintergrund aus – mal sonnig-hell, mal feurig. Als Widerpart Sieglinde folgend, welche ihrem Bruder Siegmund ein Labsal reichte, erklang Matthias Bräutigams lyrisches Cello, kurz darauf sang die ganze Gruppe mit, später hallten die »Winterstürme« noch einmal im Flötenchor nach. Da blieb kaum mehr zu wünschen oder eben doch mehr: mehr »Walküre«, mehr »Ring«.

22. September 2019, Wolfram Quellmalz

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