Tiefer, dunkler, frischer

Elblandphilharmonie mit bilderreichem Sinfoniekonzert

Ein Augenzwinkern kann ein Flirt oder eine Aufforderung sein, zwei Augenzwinkern weisen darauf hin, daß man etwas leicht und gleichzeitig ernst nimmt: die Elblandphilharmonie versieht eine Werkreihe in Anlehnung an die gewohnten Anglizismen des Konzertmarketings (und mit einem leichten Schmunzeln) mit dem Titel »Composers in Region« und setzt sich darin ganz ernsthaft mit regionalen Zeitgenossen auseinander und gab gleich eine Komposition in Auftrag. Ein Werk Bernd Frankes hatte bereits im vergangenen Jahr die neue Spielzeit eröffnet, nun hoben Ekkehard Klemm und sein Orchester ein neues Konzert von ihm aus der Taufe: nach der Uraufführung am Sonnabend in Großenhain erklang »AGNI« für Baßklarinette und Orchester am Sonntag noch einmal an den Landesbühnen Radebeul. Solist und »Anreger« war Volker Hemken, Solo-Baßklarinettist beim Gewandhausorchester zu Leipzig.

Das andere Augenzwinkern galt dem Programmtitel: »In die Tiefe …« war hier eher hinter- als abgründig gemeint und fußte mehr auf einem heiteren denn einem tiefsinnigen Zusammenhang, denn tiefe Instrumente können überraschend hohe Lagen erreichen, und das tiefe Dunkel mancher Klanglandschaft läßt sich mit Farben und Licht erhellen.

Haydn spiele man ohnehin viel zu selten, hatte Ekkehard Klemm in seiner Werkeinführung erklärt. Er blicke in lauter glückliche Gesichter, wenn er Haydn spielt, das habe er bei den Proben erneut feststellen können. Mit der Sinfonie C-Dur, Nr. 82, öffnete die Elblandphilharmonie schon einmal jene Töpfe, in denen sich feurige Zutaten verbargen – sie sollten diese noch brauchen am weiteren Abend. »Der Bär« (so die Sinfonie im Beinamen) stellte nicht nur die virtuosen Bläser heraus, sie lebte vor allem vom rhythmischen Gefüge der Streicher.

Nachdem Haydn mit seiner tänzerischen Musik höfische Bilder entworfen hatte, beschrieb Bernd Franke musikalische Filmsequenzen. »AGNI« (im Sanskrit der Name für das Feuer oder den Gott des Feuers) ist weder ein Portrait noch folgt es einem gängigen Schema. In drei Sätzen bzw. Einheiten, die jeweils noch markant durch ein Tamtam geteilt werden, erklangen kulturell verknüpfte Sequenzen, die ganz unterschiedliche Sphären evozierten und fernöstliche Musik mit Jazz und europäischer Klassik vereinten. Volker Hemken ließ seine Baßklarinette rhapsodisch plaudern, hoch tönen und immer wieder in fremde Klänge (Schnalzen) »kippen«.

Statt kleine Miniaturen aneinanderzureihen, band der Komponist die vielen Szenen in einen Rahmen, stellte »Ornament und Gebäude« in einen Zusammenhang. Dies zu fassen bedürfte es eigentlich einer zweiten Aufführung, doch das Publikum zeigte sich schon bei der ersten aufgeschlossen und bedachte Bernd Franke und den formidablen Solisten mit Applaus und Bravo.

Bilderreich blieb es mit Jean Sibelius‘ zweiter Sinfonie. Auch Sibelius entzog sich teilweise den Gewohnheiten der mitteleuropäischen Musik – in Metrik und Rhythmik prägte der Komponist einen Personalstil, der fortan als »nordisch« galt und weicht noch in der Gewichtung ab: im allgemeinen bilden die »Kopfsätze« einen Schwerpunkt, wobei der eröffnende die Basis legt. Die dazwischenliegenden Andante und Scherzo variiert Sibelius schon im Charakter, Ekkehard Klemm fand im Tempo Andante, ma rubato das Zentrum der Sinfonie. Im sinfonischen Zusammenspiel fügte Sibelius volkstümliche Themen in Stimmungsbilder, ließ sie von den Bläsersolisten aufhellen und befeuern – frei atmen.

Dabei haben die Musiker kaum unbeschwert spielen können. Vor wenigen Tagen war ihr Kollege, Klarinettist Frank Brumme verstorben. Mit dem zweiten Satz aus Mozarts Klarinettenkonzert verabschiedete sich das Orchester von ihm.

25. November 2019, Wolfram Quellmalz

Das Werk eines »Composers in Region« gibt es auch zum Jahresende: vor der 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven werden die »Kafka-Gesänge« für Sopran und Orchester von Siegfried Thiele erklingen. Der Leipziger Komponist ist im Frühjahr 85 Jahre alt geworden. 30. Dezember, 19:30 Uhr, Auferstehungskirche Dresden-Plauen

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