Abschied von Kammersänger Peter Schreier

An einem Trauergottesdienst in der Dresdner Kreuzkirche, einem der wichtigsten Orte des Tenors, nahmen über 3000 Besucher teil.

Trauer-Gottesdienst fuer Peter SchreierZum Abschiedsgottesdienst in der Dresdner Kreuzkirche blieb kein Platz frei, Photo: Kreuzkirche Dresden, © Oliver Killig

Weihnachten 1967: Peter Schreier feiert seine Premiere an der New Yorker MET als Tamino und wird in Mozarts »Zauberflöte« gefeiert. Jahre später erklärte er in einem Gespräch im Rahmen der von ihm ins Leben gerufenen »Schumanniade« in Kreischa, daß er, der heimat- und familienverbundene Mensch, dem das Weihnachtsfest so viel bedeute, »geheult habe wie ein Schloßhund«, als er an jenem 25. Dezember allein im Hotelzimmer saß.

Weihnachten 2019: Bis zum Nachmittag ist der Heilige Abend noch von Vorbereitungen und Arbeit geprägt, dann kommt langsam Feststimmung auf. Unabdingbar dafür sind die Rituale. Während der Baum geschmückt wird, erklingt eine Schallplatte von 1984: »Weihnachtsmusik im alten Sachsen«. Unter der Leitung von Dietrich Knothe singt Peter Schreier als erstes Stück Christian August Jacobis Solokantate »Uns steht der Himmel wieder offen«. Mit hymnischem Jubel kündigt sich der Höhepunkt des Weihnachtsfestes an. Zwei Tage später, nach der Rückkehr aus einer Aufführung des Weihnachtsoratoriums, erfuhren wir aus dem Radio vom Tod Peter Schreiers.

Es ist eine Jahrhundertstimme, die da verstummt ist. Genauer gesagt drei Jahrhundertstimmen, denn Peter Schreier verfügte nicht nur über einen unverwechselbaren Tenor, den man mit der ersten Note erkannte, er war wie kein anderer gleichermaßen in drei Genres zu Hause: der Oper, dem Liedgesang und dem Oratorium. Nicht nur »zu Hause«, er prägte und bestimmte es. Ob als Evangelist oder Liedinterpret, gerade bei Schumann – Peter Schreier setzte Maßstäbe.

Am Mittwoch fand in der Dresdner Kreuzkirche, Peter Schreiers musikalischem Ursprung (hier war er von 1945 bis 54 Kruzianer), eine Trauerfeier statt. Über 3000 Besucher aus Dresden, aber auch solche, die von weit angereist waren, nahmen teil, die Familie, Freunde, zahlreiche Weggefährten. Bis zum letzten Platz war die Kirche gefüllt, Stehplätze inclusive. Superintendent Christian Behr erinnerte – vier Tage vor dem Abschluß des Weihnachtsoratoriums mit dem Kreuzchor an gleicher Stelle, an eine der prägendsten Rollen Peter Schreiers, indem er den Beginn der Weihnachtsgeschichte las: »Es begab sich aber zu der Zeit …« – wer hatte da nicht Schreiers Stimme und Bachs Weihnachtsoratorium im Ohr?

Und trotzdem war Peter Schreier keiner, der sich auf solchen Erfolgen ausgeruht hätte. Natürlich wäre ihm das zu gönnen gewesen. Wem denn sonst, wenn nicht einem, der solch ein Lebenswerk geschaffen hat? Aber Peter Schreier war ein kritischer, selbstkritischer und aufgeschlossener, dabei uneitler Künstler, bis zuletzt. Ich erinnere mich noch gut (und sehr gerne!) an einen Alumni-Nachmittag in der Dresdner Musikhochschule. Eine Frage, was Peter Schreier denn zum augenblicklichen Stand der Aufführungspraxis sagen würde, da er doch die Tradition so gut kenne […] wehrte der Tenor mit einer wegwerfenden Handbewegung und mit dem Ausruf »Tradition ist Schlamperei!« ab. (Damit hatte er mein Herz gewonnen, denn Tradition besteht nun einmal nicht darin, etwas unverändert zu bewahren.) Danach führte er dies doch noch deutlich aus und bewies nicht nur, wie wichtig die Auseinandersetzung mit der Aufführungspraxis ist, sondern auch, daß er selbst erst nach den hoch gelobten (und geliebten) Oratorieneinspielungen die Erfahrung gemacht habe, noch viel freier und risikofreudiger zu interpretieren. Für ihn sei das eine Bereicherung gewesen, obwohl viele das davorliegende »schöner« empfänden. Ähnlich hatte er eine Frage bei der Schumanniade beantwortet und seine Aufnahme der »Winterreise« mit dem Dresdner Streichquartett hervorgehoben. Sie läge beim MDR und solle noch veröffentlich werden, darauf freue er sich.

Diese Freude war Peter Schreier gegönnt, denn 2015 konnte er die CD (nebst DVD »Peter Schreier – Abschied von einer Weltkarriere«) in Händen halten. Entstanden war die Aufnahme 2004, also ein Jahr bevor Peter Schreier seine Sängerlaufbahn beendete, und man hört ihm das Alter durchaus an. Und trotzdem (oder gerade deshalb) ist die CD unbedingt eine Empfehlung.

Es gab noch viele Begegnungen mit Peter Schreier. Im Carl Maria von Weber Museum, in Kreischa … Im Gedächtnis bleiben auch seine Dirigate. Gerade die Neugier, sein Aufgeschlossensein und das Wissen ums Singen gaben den Konzerten eine besondere Stimmung, ja, Aura.

Der Abschied am Mittwoch war nicht nur von Worten der Erinnerung geprägt, sondern auch von Musik, von Gesang. Roderich Kreile hatte in seinen Gedenkworten betont, welch Vorbild Peter Schreier für die aktuellen und alle künftigen Kruzianer ist. Mit dem Tenor sei, so Pfarrer Markus Deckert, der »unbestreitbar größte Kruzianer« heimgegangen.

Mit Heinrich Schütz (»Selig sind die Toten« SWV 391) und Rudolf Mauersbergers »Dankpsalm« gab der Kreuzchor dem Trauergottesdienst einen ebenso schönen wie würdevollen Rahmen, Kreuzorganist Holger Gehring begleitete ihn an der Orgel. Ob hier (mit Zimbelstern für den Gemeindegesang »Brich an, du schönes Morgenlicht«), bei Schütz oder im Wort: der Trauer wohnte stets ein Licht der Hoffnung inne sowie ein glückliches Erinnern.

Trauer-Gottesdienst fuer Peter SchreierPhoto: Kreuzkirche Dresden, © Oliver Killig

Mit dem Schlußchor aus Johann Sebastian Bachs Johannespassion (BWV 245) gab der Kreuzchor dem Programm vor dem feierlichen Auszug einen würdigen Abschluß – die Johannespassion war das letzte Werk, das Peter Schreier dirigiert hat. Glücklicherweise gibt es auch davon eine Aufnahme.

10. Januar 2020, Wolfram Quellmalz

CD-Tips:

Franz Schubert »Die Winterreise«, Peter Schreier (Tenor), Dresdner Streichquartett, incl. DVD »Peter Schreier – Abschied von einer Weltkarriere«, erschienen bei Profil

Johann Sebastian Bach »Johannespassion (BWV 245), Peter Schreier (Dirigent), Martin Petzold (Evangelist), Patrick Grahl, Sächsischer Kammerchor, Mitteldeutsche Virtuosen, Konzertmitschnitt, erschienen bei Rondeau

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