Gänse mögen keinen Strawinsky

Klavier zu vier Händen und drei Kammerwerke beim Moritzburg Festival

Alessio Bax und Lucille Chung verfolgen zwar eigene Karrieren, sind jedoch parallel auch als Klavierduo erfolgreich. Besonders in Moritzburg, wohin sie wieder eingeladen sind. Ein Klavier zu vier Händen kann noch etwas lauter, eindrucksvoller klingen als mit nur einem Pianisten – eine Reihe von Märschen (von Tanejew bis Schubert) zeugt davon. Doch in der Bearbeitung von Igor Strawinskys »Petruschka« bewiesen beide großen Klangsinn und dramaturgisches Gespür. Die Szenen der Puppe (ursprünglich ein Ballett) wogten und drehten mal walzerselig, mal sanft – da schnatterten ein paar Gänse im Hintergrund dazwischen. Im orchestralen Empfinden fehlte der Musik keine Nuance, wurden Holzbläser und Streicher imitatorisch hörbar, sogar ein kräftiger, fast stampfender Rhythmus (wie im Sacre). Beinahe figurativ war das Spiel des Duos (mit der Pianistin »oben«), verwob Begleitung bzw. Baß und Themen tief.

Eine Offenbarung war im Abendkonzert Josef Suks Elegie für Klaviertrio Opus 23. Lise de la Salle (Klavier), Nathan Meltzer (Violine) und Henri Demarquette (Violoncello) holten die zauberhafte Miniatur aus dem Versteck, und man fragte sich, wie sie nur dahingeraten ist – warum ist Suk derart vergessen? Nathan Meltzer entdeckte die Romanze der Einleitung mit zärtlichem Melos, im musikalischen Aufbäumen zeigte er sich leidenschaftlich, woran sich ein Zwiegespräch mit dem Cellisten anschloß, daß mit einem erneuten Aufflammen und fast südamerikanischem Tanzrhythmen endete.

Lise de la Salle, die in diesem Jahr das Moritzburg Festival bis zum Ende begleitet, ist nur eine sichere, versierte Partnerin, sondern auch in der Lage, flugs in neue Rollen zu schlüpfen, einer gänzlich anderen Idiomatik zu folgen. Das sollte sich noch einmal an diesem Abend zeigen.

Zunächst erklang aber das Sextett für Streicher A-Dur von Antonín Dvořák. Nathan Meltzer und Kevin Zhu (Violinen), Sindy Mohamed und Karolina Errera (Violen) sowie Christian-Pierre La Marca und Henri Demarquette (Violoncelli) fanden im Opus 48 des Böhmen eine Sinfonik, wie sie ähnlich bei Brahms zu finden ist. Natürlich ist Dvořák eigenständig, hat viele ländliche Motive verarbeitet. Die Interpreten verführten ihre Zuhörer zum Schwelgen – so herrlich reiche, versonnene Melodiösität regt einfach an. Zauberhaft entsprossen daraus einzelne Soli, die dicht umfangen vom übrigen Quintett blieben. Und doch führte diese Hingabe nicht zu einem Gehenlassen, einem Überbetonen des Romantischen, Schönen. Nathan Meltzer beeindruckte gerade mit klarem, brillanten Ton.

Einen solchen hielt Kevin Zhu genauso bereit, denn für den Abschluß nach der Pause wechselten er und Nathan Meltzer die Position. An ihrer Seite spielten im Klavierquintett g-Moll (Opus 57) von Dmitri Schostakowitsch Sindy Mohamed, Henri Demarquette und erneut Lise de la Salle. Und die scheint ein besonderes Händchen für den Komponisten zu haben. Zhus Violine durfte dabei noch gläserner, klarer rufen.

Dem Werk merkt man durchaus an, daß es in der Anlage bzw. Idee ein Streichquartett mit Klavier ist. Den Gegensatz bzw. das Miteinander hat Schostakowitsch schöpferisch gewinnend gestaltet. Die Musiker fanden darin vieles, was schon den jungen Komponisten kennzeichnete, differenzierte Durchdachtheit statt gängigen Kanons, und so wurden nicht zuletzt fragile Elemente offenbar. Die Streicher konnten sich im homogenen Quartett vereinen, doch hat Schostakowitsch die Stimmen immer wieder vereinzelt, worin manche Zerbrechlichkeit lag. Und er zeigte ebenso Impetus, positive Überzeugungskraft, wie im süffigen Tremolo der Streicher. Das Allegretto schien beinahe tanzbar – oder war auch das nur eine Persiflage?

Die Sonne war längst hinter dem Wald versunken, da verklangen die letzten Akkorde. Kraftvoll hallten sie nach, was noch einmal an die hervorragende Akustik verwies, die der Veranstalter draußen eingerichtet hat. In Moritzburg sitzt man selbst auf der Terrasse nah am Kammersaal!

8. August 2020, Wolfram Quellmalz

Am Sonntag spielen Alessio Bax und Lucille Chung noch einmal im Portraitkonzert 19:00 Uhr. Im Anschließenden Abendkonzert ist Alessio Bax der Pianist im Klavierquartett Opus 45 von Gabriel Fauré.

Morgen vormittag lädt die Moritzburg Festival Akademie zum traditionellen Picknick in den Park nach Schloß Proschwitz (11:00 Uhr)

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