(Fast) ohne Gesang, aber festlich

Kreuzvesper zum Dritten Advent

Die musikalische Gestaltung der Vesper in der Dresdner Kreuzkirche am Vorabend des Dritten Advent lag diesmal allein in den Händen von Kreuzorganist Holger Gehring und Mitgliedern des Barockorchesters der Kreuzkirche um Anne Schumann (Barockvioline). Sänger, selbst Solisten, fehlten, die einzigen gesungenen Worte erklangen im Gemeindegesang (1. Strophe aus »Tochter Zion, freue dich«), der diesmal die Vesper abschloß.

Der Advent ist an sich eine stillere Zeit. In diesem Jahr bestimmt auch deshalb, weil vieles, was sonst zur Belebung, ja zur Hektik oder gar zum Streß beiträgt, gar nicht möglich ist. Da eine Beschränkung  (zumindest zu einem wesentlichen Teil) dafür verantwortlich ist und kein freiwilliger Rückzug oder gewolltes Innehalten, empfinden dies viele als bedrückend. Vielleicht hatte sich Holger Gehring gerade deshalb für Musik entschieden, die besonders festlich, ja, glücklich war. Schon Alexandre Guilmants Marche sur Georg Friedrich Händels »Hoch tut euch auf!« (bzw. »Lift up your heads, O ye gates« aus dem »Messiah«) verbreitete auf der großen Jehmlich-Orgel einen besonders feierlichen Schimmer, dessen Licht bzw. Glanz Holger Gehring mit Steigerung der Dynamik und Öffnen des Schwellwerkes noch hervorhob.

Festlich blieb es, nun mit Händel im Original (keine Bearbeitungen). Seine Sonate B-Dur für zwei Violinen und Basso continuo und auch die Sinfonia »The Arrival of the Queen of Sheba« aus dem Oratorium »Solomon« sind gar nicht dezidiert liturgische Werke – selbst das Oratorium hatte Händel im Theatre Royal uraufgeführt (und in den Pausen unter anderem Concerti grossi oder Orgelkonzerte gespielt). In der Lesart des Barockorchesters klangen sie quicklebendig, vollkommen unbeschwert und hoffnungsfroh.

Daß der historische Bezug ein großer ist oder war, nicht nur bei den Christen, sondern auch im Islam zu finden ist sowie bei den Äthiopiern, die allesamt die Weisheit der Königin von Sheba (bzw. Saba) daran erinnerte Pfarrer Holger Milkau. »Aufbrechen«, dieses Wort sei doch mit doppeltem Sinn behaftet: es meint einerseits den Beginn einer Reise, wenn sich jemand auf den Weg macht, beinhalte aber auch den Akt der Befreiung. Und die Weisheit liege vielleicht (nicht nur für die Königin von Sheba) darin, aufeinander zuzugehen.

Mit Arcangelo Corellis Weihnachtskonzert Opus 6 Nr. 8 war der Höhepunkt der Vesper vor dem Dritten Advent (dem der Aufbruch, der Beginn des Weges gilt) erreicht. Für einen Nachklang sorgten die Bläser auf dem Turm der Kreuzkirche.

13. Dezember 2020, Wolfram Quellmalz

Georg Friedrich Händel – »Concerti«, mit den Orgelkonzerten Opus 4 Nr.2 und Nr.5, Opus 7 Nr.3 und Nr.5 sowie der Ouvertüre aus dem Oratorium »Deborah«. Barockorchester der Kreuzkirche Dresden auf historischen Instrumenten, Kreuzorganist Holger Gehring (Leitung und Orgel aus der Werkstatt von Kristian Wegscheider), erschienen bei Querstand (VKJK 1522), auch im Haus der Kreuzkirche (Kasse) erhältlich

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