Andacht mit Orgelmusik und Wort

Kreuzvesper am 1. Fastensonntag

Die Vesper am Fastensonntag Invocavit feierten Pfarrer Holger Milkau, der Meißner Domkantor Thorsten Göbel und die Gemeinde und Besucher in der Dresdner Kreuzkirche gestern mit dem Kirchenlied »Ach bleib mit deiner Gnade« (EG 347), dessen Text und Melodie ins frühe 17. Jahrhundert zurückführten, in Zeiten und zu Menschen also, die ebenfalls Krisen erlebt und überwunden hatten. Holger Milkau erinnerte in seinen Worten später noch einmal an Melchior Vulpius (Komponist) und vor allem Josua Stegmann (Textdichter).

Im Gottesdienst gesungen werden darf das Lied derzeit allerdings nicht, aber gesprochen. Außerdem kann es in Vorspielen erklingen. Sechsmal hebt sein Text mit »Ach bleib« an, ein »Ach«, das sich vielfach auslegen und betonen läßt, das Emotion, Erwartung und Richtung des Gesagten zu signalisieren, einzuleiten, zu deuten vermag. Diese vielfache Bedeutung, Mahnung, Bitte, Erwartung […] bekam durch den Vortrag gestern noch eine poetische Überhöhung: Thorsten Göbel spielte zu den von Holger Milkau vorgelesenen Strophen das Vorspiel des Liedes Opus 48 von Gustav Rebling. Diese Poesie war durchaus willkommen – nicht wenige erwarten und erhoffen sich in Zeiten, die oft niederdrückend sind, solch aufbauende Wirkung einer Andacht und nicht nur mahnende Worte.

Mit drei Variationen in D von Joseph Haydn hatte Thorsten Göbel die Kreuzvesper begonnen und damit bereits einen frohgemuten Charakter der Musik vorgestellt – war Joseph Haydn nicht ein Meister darin, sich einerseits mit Umständen, auch ungünstigen, zu arrangieren, daraus aber Originalität und Lebensfreude zu schöpfen und weiterzugeben, ein Schicksal anzunehmen, aber den Humor zu bewahren?

Im Zentrum des zweiten Teils der Vesper stand Josef Gabriel Rheinbergers elfte Orgelsonate. Der in Vaduz geborene Komponist lebte lange in München war Lehrer unter anderem von Max Bruch, Wilhelm Furtwängler, Engelbert Humperdinck, Richard Strauss und Ermanno Wolf-Ferrari. Seine Musik ist stark von einem romantischen Gestus gekennzeichnet und sorgt heute oft für eine Bereicherung des Konzertlebens, so auch die Orgelsonate. Insgesamt zwanzig hat der Komponist geschrieben, dazu Miniaturen und Trios für Orgel – nicht nur Hofkapellmeister unter Ludwig II. war Rheinberger gewesen, sondern zuvor bereits hauptamtlich als Organist tätig. Die Königin der Instrumente nimmt daher eine wesentliche Stellung in seinem Œuvre ein.

Zwar folgt die elfte Orgelsonate formal einem gewohnten Aufbau mit entsprechenden Satzbezeichnungen, doch prägt Rheinberger diesen jeweils verstärkt einen besonderen Charakter auf. So lautet die Bezeichnung des ersten Satzes, der einem Allegro entspricht, »Agitato«. Dieses entfaltete Thorsten Göbel wahrlich und in einem positiven Sinne agitierend. Wie ein Energiestrom erfaßte die Sonate den Raum, bewahrte dabei dennoch eine bleibenden, beständigen Grundruhe. Das Adagio wiederum war vom Gesang der Melodiestimme erfüllt.

Im Ausmaß übertrifft die Sonate ihre Gattungsschwestern – zumindest jene der Vorzeit – deutlich. In der Vesper erklang sie daher in zwei, von Gebet und Segen unterbrochenen Teilen und schwang sich nach einem (verhältnismäßig) kurzen Intermezzo in eine nicht »kantige«, klar strukturierte, sondern eher romantisch verwickelte Fuge.

21. Februar 2021, Wolfram Quellmalz

Das Programm der Kreuzvesper am kommenden Sonnabend gestalten Domkantor Thorsten Göbel und Superintendent Christian Behr. Das genaue Programm finden Sie demnächst unter: http://www.kreuzkirche-dresden.de

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