Gesang und Andacht

Musikalische Vesper im Rahmen der Dom-Musik Meißen

Einen Tag nach seiner Aufgabe, zum Basso continuo beizutragen (Andacht in der Auferstehungskirche: https://neuemusikalischeblaetter.com/2021/05/16/galant-und-elegant-2/), übernahm Diethard Krause eine wichtige Rolle in der Vesper des Meißner Doms. Gemeinsam mit dem Domkantor Thorsten Göbel gab er als Gast den Musikalischen Rahmen, das Geistliche Wort sprach Domprediger Stephan Bickhardt (Direktor der Evangelischen Akademie Meißen).

Die Werke des Abends berührten nicht nur ihre Zuhörer, sie ließen ganz nebenher über Rollen und Instrumente reflektieren. So sind Johann Sebastian Bachs Sonaten BWV 1028 und 1029 für Viola da Gamba und obligates (also unverzichtbares) Cembalo geschrieben, wobei »unverzichtbar« nicht bedeutet, gleichrecht nicht bei Bach, daß man nicht ein anderes Tasteninstrument, etwa ein Clavichord oder eine Orgel, wählen könnte. Wichtig war Bach wohl, daß das Tasteninstrument (an diesem Abend die Truhenorgel) eine stützende Struktur schafft, sich aber zudem inhaltlich mit der Gambe verbindet – »stützend« bedeutet eben kein Korsett. Thorsten Göbel spielte sein Instrument auf jeden Fall im Wissen, daß es einen Hintergrund für die Gambe darstellen soll, also einerseits »hinter« ihr blieb, zudem aber diesen Hintergrund auch farblich ausfüllen muß. Der Gesang der Gambe blieb damit als wichtigstes Element präsent, etwa so wie der einer Altistin. Überhaupt ist das stimmliche Element der Viola da Gamba ganz stark vom gesanglichen ausgeprägt.

Im Gegensatz dazu muß man sich erst vergegenwärtigen, daß Carl Philipp Emanuel Bachs Sonate D-Dur (Wq 137) tatsächlich für die Gambe geschrieben wurden, ein Instrument, was zur damaligen Zeit noch in Gebrauch, aber eigentlich bereits vom Violoncello verdrängt worden war. Carl Philipp Emanuel hatte drei Sonaten für Viola da Gamba geschrieben, prägte aber gleichzeitig die Gattungen für das Cello mit, man denke nur an seine Konzerte dafür. Die Gambensonaten mögen in Berlin oder Hamburg wohl auch oft mit einem damals aufkommenden Fortepiano erklungen sein.

Zu spüren war durchaus, daß Bach hier neue Wege ging. Diethard Krause hatte bei ihm weit mehr »zu tun« als bei Vater Bach, denn der Sohn hatte den technischen Anspruch »nach oben geschraubt«. In manchem hat er vielleicht versucht, die Gambe auf den Pfaden eines Violoncellos gehen zu lassen, indes merkt man, daß ihre Stärke die Gesanglichkeit ist (bleibt), während sie hinsichtlich der Artikulation dem Cello unterlegen ist.

Über all dies zu reflektieren macht – hier mag es akademisch klingen – richtig Spaß, wenn man die Musik dabei hört, wenn sie harmonisch verschlungen belebt wird und auch nicht darunter »leidet«, daß die Gambe vom Hörer aus (was an dessen Position lag, nicht an der Aufstellung der beiden Musiker) hinter der Orgel platziert war.

Im Resumée konnte man eine erstaunliche Entwicklung der Sonate während einer Generation nachvollziehen, sich am konzertanten Vermögen und Miteinander der beiden Spieler erfreuen und (wieder einmal) feststellen, daß Johann Sebastian Bach eben Musik nicht nur in Struktur und Kopf beherrschte, sondern seinen Werken Sinnlichkeit mitgab und zudem – ist es die Auseinandersetzung mit italienischen Werken wie jenen Antonio Vivaldis gewesen? – ein beträchtliches Vivace in einem Allegro (BWV 1028) aufflackern zu lassen wußte.

16. Mai 2021, Wolfram Quellmalz

Zur nächsten Dom-Musik (3. Geistliche Abendmusik) werden Britta Winkler (Horn) und Matthias Jacobs (Orgel) erwartet. Termin: 28. Mai, 17:00 Uhr, Dom zu Meißen

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