Ringtausch – ungewollt, aber mit Gewinn

Moritzburger Musiker zünden schon im Portrait ein Feuerwerk

Die Stimmung beim Moritzburg Festival ist zwar vollkommen ungetrübt, unberührt bleibt der Veranstalter von den aktuellen Bedingungen jedoch nicht. In den letzten Tagen schon hatte Jan Vogler für den Kollegen Pablo Ferrández einspringen müssen, weil der nicht anreisen konnte, nun sitzt auch Pianistin Mishka Rushdie Momen restriktionsbedingt in Schottland fest. Sie hätte am Mittwoch beim On-Tour-Konzert der Moritzburg-Akademie in Darmstadt spielen sollen. Für sie sprang Sergio Tiempo ein, weshalb beide Künstler des Portraitkonzerts – Ferrández und Tiempo – nicht verfügbar waren.

VON WEGEN »VORPROGRAMM« – SCHOSTAKOWITSCHS CELLOSONATE ERWEIST SICH ALS PRUNKSTÜCK

Daß sich in Moritzburg ein Ersatz finden würde, bezweifelte wohl niemand, daß aber Christian Poltéra (Violoncello) und Wu Qian (Klavier) Dmitri Schostakowitschs Cellosonate d-Moll Opus 40 nicht nur mit Verve, sondern mit so viel Geschmack, Stilempfinden und vor allem wie ein langjähriges Duo auf die Bühne zauberten, übertraf die Erwartungen doch bei weitem! Wu Qian erweist sich mehr und mehr als vielseitige Pianistin, die zu feinsten Nuancen fähig ist. Christian Poltéra, seit langen Jahren ein gern gehörter Gast, begeisterte mit innigem Vibrato und kantablem Reichtum. Schostakowitschs  Sonate lebte in der Phrasierung auf, Tremolo und Staccato, derart in Balance gehalten, zeugten von innerer Erregung und Leidenschaft – dieses Vorprogramm war ein Höhepunkt!

KLEINOD UND PRUNKSTÜCK – BEETHOVENS STREICHTRIO

Doch dergleichen gab es noch mehr, denn am Beginn des Abendkonzertes stand mit Ludwig van Beethovens Streichtrio Opus 9 Nr. 2 in D-Dur sogleich eine Perle der Musikliteratur. Nathan Meltzer (Violine), Hartmut Rohde (Viola) und Christian Poltéra polierten diese noch ein wenig mehr auf. Ihr Vortrag lebte – wie schon im letzten Jahr ist die Bühne akustisch hervorragend eingerichtet – davon, daß man noch leisen Tönen ohne Verluste folgen konnte, wie im Andante, das mit bedächtigen Bögen zu einem quasi Allegretto getupft wurde. In Menuetto und Rondeau wiederum erreichte das Trio mit Beethoven – für ihn nicht unbedingt typisch – eine Anmut, wie man sie von Mozart kennt.

BILDER AUS DEM SOLDATENLEBEN

Für Igor Strawinskys Suite aus »L´Histoire du Soldat« durften sich die Zuhörer danach umstimmen. Auf den vollendeten Klassiker folgte eine aufgeweckt launige und illustrative Musik. Eine, die zur Zeit ihrer Entstehung (1919, nur kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges), einen heiteren Impuls setzen wollte. Pablo Barragán (Klarinette), Mira Wang (Violine) und Wu Qian loteten die Bilder aus dem Soldatenleben bzw. den Pakt mit dem Teufel und wie ein Soldat diesem ein Schnippchen schlägt, vollendet aus. Mira Wang schien auf ihrer Violine virtuos zu argumentieren, Pablo Barragán sorgte im Wechsel zwischen Bassett- und normaler Klarinette für fröhliche Klänge und tänzerischen Schwung. Wu Qian – diesmal nach Plan am Klavier – bereiten Repertoiresprünge sowieso keine Probleme.

ENSEMBLEFAMILIE MIT MAX BRUCHS STREICHOKTETT

Wenn Beethovens Streichtrio schon eine »Perle« ist, sollte man Max Bruchs Oktett für Streicher B-Dur wenigstens einen »Edelstein« nennen. Überhaupt erweist sich der Jahrgang 2021, auch wenn zeitgenössisches leider fehlt, als vielseitig und neugierig. Max Bruchs Oktett neigt mitunter zu einem triumphierenden Charakter, wie er Mendelssohns Opus 20 grundsätzlich innewohnt, ist aber doch ganz anders angelegt. Nicht nur in der Besetzung – statt eines gedoppelten Streichquartetts (Mendelssohn) besetzt Bruch anstelle des zweiten Cellos einen Kontrabaß (Janne Saksala). Zudem hat die erste Violine (Seiji Okamoto) zahlreiche Soli, die so gesanglich und prägend sind, daß man ohne weiteres ein verstecktes Violinkonzert erkennen könnte. Mit Nathan Meltzer, Kai Vogler und Mira Wang (Violinen), Hartmut Rohde und Ulrich Eichenauer (Viola) sowie Bruno Philippe (Violoncello) durfte das Oktett funkeln und sogleich die Theorie vom Violinkonzert widerlegen: während Beethoven in seinen Streichtrios (vor allem dem ersten) manchmal fast sinfonisch wird, wahrt Bruch hier den stets kammermusikalischen Gestus, der alle Spieler individuell prunken läßt. Die pointierte Wiedergabe hatte Begeisterungspotential!

12. August 2021, Wolfram Quellmalz

Für manche der Konzerte in der kommenden Woche gibt es noch Restkarten. Vor allem für den Gastauftritt »Moritzburg für alle« im Kulturpalast stehen wegen eines vergrößerten Platzangebotes kurzfristig zusätzliche Karten zur Verfügung. Weitere Informationen unter: http://www.moritzburgfestival.de

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